Über Jahrzehnte waren Museen selbstbestimmt in dem, was sie veröffentlichen. Museen hatten einen hohen Stellenwert als Hort des Wissens und man wird das Gefühl nicht los, dass sich Museen immer noch selbst gerne so sehen. Aber die Zeiten haben sich geändert. Neue Medien machen es immer einfacher, Wissen ganz bequem von den eigenen vier Wänden aus zu erreichen, die Menschen informieren sich viel stärker im Vorfeld von Reisen über das Angebot am Zielort und wollen auch immer stärker selbst bestimmen, was sie wo, wie und wann erleben.

Seitdem das Team vom Internationalen Museumstag die Social-Media-Aktion „Take-Tag-Share“ für 2014 bekannt gegeben hat, diskutieren in ganz Deutschland MuseumsleiterInnen untereinander und mit ihren MitarbeiterInnen über diese Aktion. Es ist für Museen, in denen das Fotografieren in der Regel, teilweise aus konservatorischen Gründen, verboten ist, teilweise undenkbar eine unkontrollierte Fotoerlaubnis, und sei es für einen Tag, auszustellen. Die BesucherInnen könnten ja fotografieren, was sie wollen. Auch Sicherheitsaspekte werden immer wieder genannt: Auf den Fotos könnten Diebe die Sicherheitsvorkehrungen der Museen ausspionieren, sie könnten wertvolle Exponate schon im Vorfeld sichten usw. Alles Dinge, die nicht von der Hand zu weisen sind, aber trotzdem nicht wirklich greifen. Wer etwas stehlen will, der findet einen Weg. Es ist so ähnlich wie mit der zunehmenden Überwachung der Gesellschaft als Schutz vor Terrorismus. Funktioniert nicht.

Wie sinnlos jede Sicherheitsvorkehrung in Ausstellungen ist, wenn es jemand darauf anlegt, hat Banksy eindrucksvoll bewiesen. Banksy, der von den einen für seine Aktionen bewundert, von anderen aber verurteilt wird, schaffte es, in renommierten Museen seine eigenen Kunstwerke unterzubringen. Während der Öffnungszeiten. Einige der Stücke wurden erst nach Wochen entdeckt. Aber zurück zu Museen und Öffentlichkeit.

Etwas verhindern, was schon Alltag ist

In Zeiten von Smartphones und besonders handlichen, sprich kleinen, Fotoapparaten, ist es schon jetzt nahezu unmöglich, BesucherInnen davon abzuhalten, zu fotografieren. Die Aufforderung, nicht zu fotografieren wird, sofern sie überhaupt wahrgenommen wird, spätestens dann ignoriert, wenn man etwas wirklich fotografieren will. Das kann man als „Verfall der Sitten“ sehen, aber auch einfach als Entwicklung, die sich wahrscheinlich fortsetzen wird. „Private“ Räume, zu denen auch Museen zählen, werden immer öffentlicher und die Menschen lassen Freunde und Bekannte immer stärker an positiven und negativen Erfahrungen teilhaben. Einzelne Museen wagen sich langsam aber sicher auch in diese Bereiche vor: Tweet-Ups, #museumsselfies, Foto-Preise usw. werden von einzelnen Institutionen und Verbünden schon jetzt fleißig genutzt. Die Angst, die einige Museen umtreibt, scheint andere also nicht zu stören. Es wäre allerdings interessant zu erfahren, wie groß die Diskussionen im Vorfeld waren.

Andere Ansätze

Es gibt übrigens schon zwei nennenswerte Bestrebungen, die heiligen Hallen der Museen noch stärker in die Öffentlichkeit, in diesem Fall ins Internet, zu ziehen: das Google Cultural Institute und das EU-Projekt Cultural-Heritage Experiences through Socio-personal interactions and Storytelling (CHESS).

Zum Google Cultural Institute hat der Museumsheld schon einen aufschlussreichen Artikel geschrieben. In dem heißt es pointiert:

Die Grundidee ist nachwievor eine mit großem Mehrwert für die Internetuser: Egal auf welchem Ort ich auf der Welt bin, ich kann einfach in jedes Museum, das beim “Art Project” mitmacht, hineinspazieren und mich dort umschauen, eigene Favoritensammlungen anlegen und sehr nah an die Bilder heranzoomen. So nah, wie ich im eigentlichen Museum gar nicht an ein Gemälde aus dem 16. Jahrhundert herankommen würde.

Es gehe vor allem um Teilhabe und Partizipation an Kulturschätzen, die Öffnung der musealen Schatzkammern und um die Präsentation auf einer digitalen Plattform. Im Gegensatz zu der oben skizzierten Form von Öffentlichkeit können beim Google Cultural Institute die Museen aber selbst entscheiden, was sie wie darstellen. Ein Besuch der „Labs“ in Paris ist wohl für jeden internet- und technologieaffinen Kulturvermittler/für jede Kulturvermittlerin ein feuchter Traum.

Einen Ansatz, der eher auf die Erlebnisse direkt im Museum abzielt, verfolgt das EU-Projekt CHESS.

Im Gegensatz zu anderen Museumsführungen zeigt die CHESS-App jedem Besucher ausschließlich die für ihn interessanten und seiner Stimmung entsprechenden Highlights der Ausstellung. Es werden nur so viele Einzelheiten wie gewünscht erwähnt. Die Rundgänge können durch Multimedia-Content, 3D, Augmented Reality (erweiterte Realität) sowie Audio-Beiträge ergänzt werden.

Beim Verlassen des Museums können Besucher Eindrücke ihrer ganz persönlichen Führung als Souvenir auf der Website des Museums abrufen, um diese mit Familie und Freunden zum Beispiel als Video oder Foto zu teilen. Laut Dr. Maria Roussou von der Universität Athen hat das Projekt beste Chancen, die Art und Weise, wie wir uns in Museen verhalten und uns mit den Ausstellungsstücken auseinandersetzen, zu revolutionieren.

Wie genau CHESS die Kontrolle der Museen über die angefertigten Inhalte aushebeln wird, bleibt abzuwarten. Spannend werden die weiteren Entwicklungen im Spannungsfeld zwischen Kontrolle und (digitaler) Öffentlichkeit auf jeden Fall bleiben.

Claus Hock
Going Social

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