Veranstalten in Zeiten von Corona

15 Monate Kulturarbeit in Zeiten von Corona. Für mich als Veranstalterin und Konzeptionistin von Kulturformaten haben sie sich wie ein ständiges stop and go angefühlt. Ein ewiges Verharren im luftleeren Raum, gefolgt von Aktionismus, gefolgt von moralischen Fragen und praktischen Abwägungen. Die auch in normalen Zeiten oftmals prekäre Situation der Künstler wurde zu Recht ausgiebig diskutiert, aber Kultur braucht ja nicht nur die Akteure auf den Bühnen. Sie braucht die Techniker*innen, das Einlasspersonal, die Pressearbeit und auch die Organisator*innen und Veranstalter*innen von Kultur! Sie sind ein Motor der Kulturszene, oftmals die Möglichmacher. Die Pandemie dürfte diese vielleicht nicht so unmittelbar getroffen haben wie die Künstler selbst, einige werden beruflich in festeren Strukturen stehen und auf Ressourcen wie das Kurzarbeitergeld zurück gegriffen haben können. (Es sei bemerkt, dass es selbstverständlich auch freie Veranstalter gibt, die harte Probleme hatten und haben!). Aber ich hatte zumindest das Glück, eine Stelle zu haben, die mich die Zeit über zumindest wirtschaftlich getragen hat.

Trotzdem ist das Veranstalterleben derzeit keine einfach Position. Wir sitzen oft am Anfang der Kette, wir müssen abschätzen, wann welche Hebel in Bewegung zu setzen sind, damit unsere Vorhaben mit den Künstlern und Künstlerinnen gelingen können. Mit sich ständig ändernden Bedingungen umzugehen, machte das Planen in den vergangenen Monaten nicht einfacher. Die Pandemie hat auf der Veranstalterseite oft sogar für mehr Arbeit mit unklarem Ende gesorgt. Wenn es zum Beispiel darum ging, Förderanträge zu stellen, diese dann nicht umsetzen zu können, sie neu zu stricken aber abermals nicht zu wissen, mit welchen Gegebenheiten man zum geplanten Umsetzungszeitpunkt rechnen kann. Dankenswerterweise sind viele Förderprogramme zur Unterstützung von Kultur in Zeiten von Corona auf den Weg gebracht worden! Aber all diese Anträge wollten erdacht, gestellt und verwaltet werden.

Fragen über Fragen

Kalkulationen und Gedankenspiele

Ich möchte es anhand von zwei Festivals, die ich plane, konkret machen: PlattSatt und PLATTart.
Die meisten Veranstaltungen haben einen gewissen Vorlauf, aber ein ganzes Fetival braucht schon mehrere Monate bis zu einem Jahr, um auf die Beine gestellt zu werden. Viele Menschen, Veranstaltungsorte und Inhalte wollen optimalt verzahnt werden. Die erste Herausforderung ist es für den Veranstalter oder die Veranstalterin, das Vorhaben in Zahlen zu gießen, damit eine Förderung dafür beantragt werden kann. Es ist nunmal leider so, dass die allerwenigsten Kulturveranstaltungen sich zu 100 % selbst tragen können. Und da geht es schon los:

  • Werden alle Veranstaltungsorte noch da sein nach der Pandemie?
  • Werden die Künstler und Künstlerinnen durchhalten und ihren Beruf weiter ausüben können?
  • Kann ein Festival in Präsenz mit Publikum oder wohl nur digital stattfinden? Für beides fallen Unterschiedliche Kosten an und es ist mit verschiedenen Einnahmen zu rechnen.
  • Wenn Publikum kommen darf: Wie werden die Auflagen sein?
  • Wieviele Personen dürfen in welchen Saal und kann man die kleinen Veranstaltungsräume überhaupt einplanen für meine Veranstaltung, wenn sie vielleicht nur zur Hälfte besetzt werden können?
    > Für diese und eine Reihe weiterer Fragen gilt es, belastbare Schätzwerte zu ermitteln.

Für so einen Förderantrag muss man sich im Grunde schon über ein Jahr vorher entscheiden, in welcher Form man plant. Ja, man kann diese Anträge aktualisieren, aber ein Festival, das für Live-Publikum geplant wurde, lässt sich nicht so ohne Weiteres auf ein digitales Format umändern. Im Grunde genommen muss dafür das ganze Festival neu gedacht werden, inklusive dem dazugehörigen Antrag.

Dazu kommt eine ständige Ungewissheit: Was wird wann gehen? Wann muss ich eine Veranstaltung absagen? Soll ein Programmheft gestaltet werden? Und jede Antwort ist nur eine vorrübergehende.

Bestehende Vorhaben durch einen Live-Stream zu ersetzen, war im ersten Lockdown eine gute Option. Ich denke allerdings, dass ein Stream eine Präsenzveranstaltung nur sehr dürftig ersetzt. Wir haben wahrscheinlich alle in den letzten Monaten ohnehin zu viel Zeit am Bildschirm verbracht und schon zu viel gesehen und zu wenig erlebt dabei. Für dieses Jahr „gilt das nicht mehr“. Um ein Publikum zu begeistern muss man sich da schon mehr einfallen lassen. Doch wann bitte, soll auch das noch geschehen? Endweder man kann ein gutes Live-Event auf die Beine stellen, oder ein gutes Online-Event mit innovativem Charakter. Aber es ist sehr schwer, beides parallel zu planen. Und ich befürchte, dass es schwer werden wird, ein Publikum für ein reines Onlineevent zu begeistern, wenn Präsenzveranstaltungen wieder möglich sind.


Fazit

Die Rolle der Veranstalter von Kultur ist nicht zu unterschätzen, denn sie sind es oft, die Kultur auf den Weg bringen. Aber der ständige Tango zwischen Lockdown und Lockerung zerrt an den Kräften.
Wie schön wäre es, wenn man einfach wieder in Ruhe Projekte planen könnte, denn ganau das ist ehrlich gesagt auch in normalen Zeiten schon spannend genug.

Der Beitrag ist Teil der Blogparade #KulturAlltagCorona2 von Kultur hoch N.

Gesche Gloystein
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