Zu Besuch im Ostfriesischen Zweiradmuseum

Bei der Planung einer Kurzreise nach Ostfriesland zum Nachholtermin eines im Winter ausgefallenen Festivals, hatte ich u. a. einen Kenner der dortigen Museumslandschaft um Tipps gebeten, was ich mir unbedingt anschauen sollte. Ende 2019 hatte ich an den Festivaltagen bei winterlicher Kälte und grautrübem Tageslicht Klassikern wie der Kunsthalle Emden und dem Ostfriesischen Teemuseum in Norden (viele REGIALOGen erinnern sich sicherlich) einen ausführlichen Besuch abgestattet. Dieses Mal wollte ich bei bestem Wetter bewusst auch Punkte in der Region ansteuern, die nicht jeder direkt auf dem Schirm hat. Ein Ratschlag lautete: „[…] wenn Du in Emden bist: Das Ostfriesische Zweiradmuseum in Wybelsum ist Hammer […]“ Das machte mich neugierig!
Nach interessiertem Blick auf die Website mailte ich den Inhaber des Privatmuseums direkt für die Terminvereinbarung an. Es gibt keine festen Öffnungszeiten, dafür führt meistens der Sammler selbst die Besucher durch seine vielen Schätzchen.


Dinus Voß gelang es, mich mit seiner Begeisterung für die verschiedenen Themen seines Museums direkt mitzureißen. Es geht dem Sammler um weit mehr als ein schlichtes Anhäufen alter Fahrräder oder Motorräder. Seine Schwerpunkte bei den Ausstellungsstücken liegen bei:

  • der regionalen Geschichte bezüglich der Entwicklung der Nutzung des Fahrrads, der Fahrradgeschäfte und der Radfahrvereine (ab 1892 bis hin zur „Gleichschaltung“ 1933), die Voß anhand einer Vielzahl von historischen Fotos, alten Postkarten und Urkunden, Markenplaketten, Werbeanzeigen, Fahrradklingeln und anderen Gegenständen umfassend belegen kann.
  • Fahrrädern aus der Zeit zwischen 1869 und ca. 1945 – da sind einige extrem rare Stücke bei.
    Es lohnt sich, genauer hinzuschauen und Besonderheiten zu entdecken!
  • Fahrrädern mit Hilfsmotoren (MoFas), wie sie in den 1920ern entstanden.
  • frühen Motorrädern aus den 1920er/30er Jahren.
Blick in einen Ausstellungsraum
Blick in einen Ausstellungsraum

Defekte alte Stücke restauriert Dinus Voß in der museumseigenen Werkstatt mit großer Umsicht und Liebe zum Detail. Sein Ziel ist es, die auf verschiedensten Wegen ergatterten Fundstücke wieder fahrtauglich zu machen und sie dabei auch optisch möglichst in den Originalzustand zu versetzen.


Die Sammlung ist weit weniger unstrukturiert entstanden als die der Collectie Brands bei Emmen (NL), die ich im Juni 2019 hier für unseren Blog vorgestellt hatte und die ich nach dem inzwischen erfolgten Umbau bald einmal wieder besuchen möchte.

In den rund zwei Stunden meines Besuchs im Ostfriesischen Fahrradmuseum habe ich im Gespräch mit dem Sammler viele hochinteressante Objektgeschichten erfahren. In einem „normalen“ Museum wären mir trotz eines geführten Rundgangs oder Audioguides viele der liebenswerten Kleinigkeiten rund um die Sammlung niemals aufgefallen. Ohne den sprudelnden Enthusiasmus von Dinus Voß wäre ich fast achtlos an Gegenständen vorbeigelaufen (Motto: „Aha, noch ein altes Fahrrad“), ohne ihre Besonderheiten zu erkennen und wertschätzen zu lernen.
Meine Fragen wurden bereitwillig beantwortet und brachten weiterführende Informationen zutage. Spannend, wie einige der Klingeln, Motor- oder Fahrräder ihren Weg nach Wybelsum gefunden haben. Darin liegt Stoff für ganze Bücher!

Fahrradklingel
Ein seltenes Liebhaberstück
– lasst Euch erzählen, wie es ins Museum kam!

Am Tag nach meinem Besuch im Zweiradmuseum konnte ich Dinus Voß auf dem 1. Ostfriesischen Fahrradtag in Aurich noch einmal treffen. Hier war er in Begleitung seiner Frau mit einer Auswahl an Fahrrädern und anderen Ausstellungsstücken zur ostfriesischen Radfahrgeschichte vertreten. Wie man mit einem Hochrad fährt, konnte er auf dem Gelände den staunenden Besuchern demonstrieren und der Schirmherr der Veranstaltung, der Niedersächsische Umweltminister Olaf Lies, durfte bei seinem Rundgang auf einem kuriosen Gerät Platz nehmen: einem Velotrab.

Größenvergleich Mädchen zwischen
zwei Arten von Hochrädern

Für eine besondere Ausstellung auf dem Schloss Evenburg in Leer hat der Sammler zusammengearbeitet mit dem Deutschen Fahrradmuseum (Bad Brückenau) und einer weiteren Privatsammlung. Noch bis Mitte Oktober gibt es dort „Zauber bewegter Kindheit – Rollende Gefährten von ca. 1820 – heute“ zu bestaunen und beim interaktiven Teil kann im Park einiges selbst ausprobiert werden.


Natürlich empfiehlt es sich, zu seinem verabredeten Besuch im Ostfriesischen Zweiradmuseum nicht mit dem Auto, sondern mit dem Fahrrad vorzufahren. Vom Emder Bahnhof aus sind es ca. 10 Kilometer Radweg dorthin. Vom Leeraner Bahnhof zum Schloss Evenburg mit der Sonderausstellung sind es weniger als drei Kilometer. Leer und Emden sind mit Regionalbahnen gut zu erreichen – das 9 €-Ticket in diesem Sommer ist für Fahrradfreunde ein guter Anreiz.

Upstalsboom
Ostfriesische Fahrradmarke: Upstalsboom
Birgit Baumann
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