…wo soll ich anfangen?
Was ist alles passiert im letzten Jahr der Lockdowns, oder besser gesagt: was nicht?

Viel und wenig gleichzeitig! Zwischen diesen Polaritäten scheinen wir uns im Dauerzustand hin-und her zu bewegen, ohne wirklich viel zu bewegen, scheint es. Ein permanentes Warten auf neue Verordnungen, Inzidenzzahlen, Anordnungen, Handlungsanweisungen. Und im Kopf immer die Frage: Wie können wir kulturell, bzw. mit den Mitteln der Kunst darauf antworten? Was können wir TUN?

Impfzentrum statt Kulturbetrieb

Stillstand in der Kulturbranche und besonders an unserem Arbeitsplatz im Kulturzentrum Forum Alte Werft in Papenburg, in dem sich seit Dezember 2020 eines der beiden großen Impfzentren im Emsland befindet. Obwohl die Räumlichkeiten der Kunstschule nicht davon betroffen sind, ist das ganze Umfeld darauf ausgerichtet: große Müllcontainer auf dem Vorplatz des Theaters, mehrere Rettungsdienstfahrzeuge direkt vor unserem Eingang, Absperrungen, volle Parkplätze, volle „Raucherecken“.
Von überall im Gebäude schnappe ich Wortfetzen auf. Zum Beispiel, wenn ich in meinem Büro am Schreibtisch sitze, dessen Fenster, wenn geöffnet, sowohl Stimmen als auch jede Menge Zigarettenrauch zu mir bringt, weil sich dort eine der besagten Raucherecken befindet, die proportional zum Impfbetrieb reichlich frequentiert wird. Diese Wortfetzen stammen meistens von den Mitarbeiter*innen des Impfzentrums und beinhalten hauptsächlich medizinische Worte, wie die verschiedenen Impfstoffe oder technisch-organisatorische Arbeitsabläufe. Oder — ganz normal — auch Worte über die ein oder andere Kolleg*in, die selbstverständlich gerade nicht anwesend ist in der Runde der Rauchenden, die sich ein Pause gönnen. Weniger privat sind die Wortfetzen, die ich auf der gemeinsam zu benutzenden Treppe höre, wo die Telefonzentrale des Impfzentrums eingerichtet wurde und die vielen Anrufe beantwortet werden, die täglich eingehen. Ebenso verhält es sich mit den teilweise hunderte Meter langen Menschenschlangen, die nicht, wie zuvor, auf Einlass zum Theater, zum Konzert, zum Galeriebesuch warten, sondern zum Impfen wollen. Auch hier dreht sich im geistigen Austausch alles um Impftermine, Impfstoffe und weitere Meinungen rund um das Thema der Pandemie. Verständlicherweise! Die Pandemie hat auch unser Denken fest „im Griff“.

Es ist also eine ganz andere Atmosphäre, in der ich mich befinde und in der sich die Kunstschule befindet. Wo sich früher die Worte der Kultur tummelten, wie Bühne, Theater, Kunst, Musik, Beleuchtung, Ticketverkauf, Plakate, Ausstellung etc., geht es nun um Inzidenzzahlen, Impfstoffe: zu viel oder zu wenig, 1. Impfung und 2. Impfung, bald wahrscheinlich auch 3. Impfung.

Die Kultur ist (uns) komplett abhanden gekommen. Naja, sie scheint ja auch nicht systemrelevant zu sein. So jedenfalls fühlt es sich an. Dabei hat sie so viel zu bieten! Kunst und Kultur sind nicht dazu da um Menschen zu bespaßen und abzulenken, sie auf niedrigstem Niveau zu unterhalten, sondern sie zu beflügeln und zu erheben. Sie zu einem geistigen Erleben und Austausch anzuregen, über den eigenen Tellerrand zu schauen, sich zu bilden und ein eigenes Bild machen zu können.


Neue Projekte: Lasst Postkarten sprechen

Wie sind wir in der Kunstschule damit umgegangen? Gibt es die Möglichkeit, außerhalb von Präsenz- und Onlineveranstaltungen mit Kunst zu agieren? Teilnehmer*innen zu erreichen, ihnen etwas anzubieten, was sie aktiviert sich kontaktlos künstlerisch auszudrücken und trotzdem in Kontakt zu kommen, zu bleiben?

Mit der Künstlerin Editha Janson haben wir dazu Anfang des Jahres spontan ein Postkartenprojekt entwickelt:
„sowohl als auch-unterwegs!“

„Sowohl als auch – unterwegs“ ist unsere aktuelle partizipatorische, interaktive Kunstaktion zum Thema „Unterwegs sein“…. in Zeiten einer Pandemie. Die Kunstschule ist damit unterwegs: sowohl analog, als auch digital!

Gerade im Hinblick auf die Herausforderungen (wie z.B. Soziale Distanz, Arbeitsplatzverlust, Wirtschaftsnot, starke Einschränkung des kulturellen Lebens, Digitalisierung, Reiseeinschränkungen, etc.), schien es uns umso wichtiger, mit Kunst sichtbar zu agieren und die Beteiligung aller Bevölkerungsgruppen zu ermöglichen.

In den drei Ortsteilen von Papenburg gibt es Abholstationen mit kostenlosen Blankopostkarten „für jedermann“. Mitzumachen ist ganz einfach, denn die Beschreibung ist auf jeder Postkarte zu finden. Es geht darum, Postkarten mit eigenen Themen zu gestalten, die auf die Reise gehen dürfen zu den Menschen und Orten, die durch die Lockdowns nicht besucht werden konnten. Bevor sie allerdings den eigentlichen Adressaten erreichen sollte, sollte die frankierte Postkarte zuerst zurück zur Kunstschule geschickt werden, damit die künstlerischen Exponate in einer Ausstellung sichtbar gemacht werden.

Von allen Postkarten, die in der Kunstschule abgegeben werden, werden Fotos von der Vorderseite gemacht und in einer Onlinegalerie veröffentlicht.
Eine analoge Ausstellung wird vom 27. bis zum 29. August in der Galerie im Forum Alte Werft als „Zwischenstation“ stattfinden. Anschließend werden die bis dahin eingereichten Karten an die Adressaten verschickt.

Die beiden für die Kunstschule Zinnober aktiven Künstler*innen Editha Janson und Stefan Schaffeld können jetzt, seit die Inzidenzzahlen das erlauben, den weiteren Teil des Projektes analog umsetzen: In den drei Ortsteilen von Papenburg gehen sie in Institutionen, wie der KJP Aschendorf, der Historisch Ökologischen Bildungsstätte und dem Jugendzentrum, um dort Kunstkarten-Gestaltungs-Aktionen durchführen, in denen sowohl traditionelle Mal-, Zeichen- und Drucktechniken als auch digitale Bilderstellung und Bildbearbeitung gleichwertig zum Einsatz kommen sollen.
Da dieses Projekt vom Ministerium für Wissenschaft und Kultur unterstützt wird, ermöglicht es der Kunstschule Zinnober durch die Anschaffung digitaler Ausstattung (Tablets und Fotodrucker) neue Formate im Hinblick auf ihre Zukunftsfähigkeit zu entwickeln und auszuprobieren.

Zum jetzigen Zeitpunkt, in dem das gesellschaftliche Leben, weitestgehend wieder stattfinden darf und die Menschen wieder unterwegs sein dürfen, hat es den Anschein, als ob die Projektidee sich selbst schon überlebt haben könnte. In dieser, von schnell getroffenen Entscheidungen geprägten, unüberschaubaren Zeit mag es dennoch sinnvoll sein, sich auf ein kleines Format zu konzentrieren, um Geist und Seele zu ermöglichen sich mittels der Kunst ausdrücken zu können und dieses Statement dann in die Welt zu schicken.

Am 27. August 2021 um 17 Uhr soll jedenfalls die Ausstellungseröffnung der bislang gestalteten Karten im Forum Alte Werft stattfinden. In der Hoffnung, dass es dann möglich sein wird, laden wir herzlich dazu ein.

Der Beitrag ist Teil der Blogparade #KulturAlltagCorona2 von Kultur hoch N.

Petra Wendholz
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