In der Journalismus- und Printbranche wird seit einiger Zeit die Diskussion geführt, woran man Erfolg und Rentabilität im (Online-)Journalismus messen kann. Katharina Brunner stellte bei den Netzpiloten jüngst eine Sammlung von alternativen Modellen vor: „Reine Zugriffszahlen sagen wenig über den tatsächlichen Erfolg im Journalismus aus. Die New York Times, Upworthy und Medium versuchen, aussagekräftigere Indikatoren zu entwickeln.“ Diese Diskussion lässt sich wunderbar auf Kultureinrichtungen, allen voran Museen, übertragen. Was die Zugriffszahlen für Internetseiten sind – oder eben nicht sind -, das sind die Besucherzahlen für Kultureinrichtungen. Wenn es um die Legitimation von kommunalen Zuschüssen geht, werden immer wieder die Besucherzahlen eines Museums als Kennziffer für Erfolg oder Nicht-Erfolg der Einrichtung herangezogen. Wie im (Online-)Journalismus stellt sich aber auch im Kulturbereich die Frage, ob diese Kennziffer der Weisheit letzter Schluss ist, sagen die reinen Zugriffs-/Benutzerzahlen doch wenig bis gar nichts aus.

Wider die Besucherzahlen – Alternativmodelle

Wer nicht die Anzahl der Besucher, die ein Museum pro Woche/Monat/Jahr besuchen als (alleinige) Kennziffer heranziehen will, der braucht Alternativen. Die Modelle der NYT (Zugriffe im Verhältnis zu den Werbemaßnahmen) oder Upworthy (Zeit, die Besucher aktiv auf der Webseite sind) lassen sich nur schwer auf Kulturbetriebe übertragen. Besucherzahlen im Verhältnis zu den Werbemaßnahmen wäre zwar möglich, aber die Dauer eines Museumsbesuches kann man nicht ohne weiteres feststellen. Um alternative Modelle der „Erfolgsmessung“ zu entwickeln, muss man sich die Aufgaben von Museen ansehen, wie sie zum Beispiel der Deutsche Museumsbund formuliert hat:

Ein erheblicher Teil der originären Aufgaben der Museen [neben der Präsentation in Dauer- und Sonderausstellungen] bleibt dem Besucher und den politisch Verantwortlichen in der Regel verborgen: das Sammeln, Bewahren und Forschen. Die Ergebnisse der Arbeit in diesen Bereichen sind die Grundlage für das Ausstellen und Vermitteln – und damit das öffentliche Erleben der Museumssammlungen.

Sammeln, bewahren und forschen, ausstellen und vermitteln sind die Aufgaben eines Museums. Sammeln und bewahren sind schwer messbar und eignen sich auch nicht sonderlich als Kennziffer. Soll die Größe des Magazins oder das Verhältnis zwischen ausgestellten und eingelagerten Exponaten ein Indikator für Erfolg und Misserfolg sein? Wohl kaum, hat man doch lange gebraucht, bis man Museen nicht mehr als reine Orte der „Sammelwut“ verstanden hat, sondern die kontextualisierte Ausstellung in den Vordergrund gestellt hat. Dennoch lässt sich aus der Formulierung von Sammlungskonzepten und der Sicherstellung einer adäquaten Aufbewahrung, wie es z.B. beim Museumsgütesiegel gefordert wird, eine mögliche Teilkennziffer formulieren: Einhaltung von musealen Standards und die aktive Bemühung um Erwerb oder Erhalt der Museumsregistrierung.

Erfahrungsräume öffnen

Ein erster Schritt zur Abkehr von den Besucherzahlen als der Kennziffer schlechthin ist das Vergessen der Besucherzahlen. Die Grundlage eines jeden Museums ist die Dauerausstellung, der Sammlungs- und Vermittlungsschwerpunkt. Diese Dauerausstellung stellt einen Erfahrungsraum dar, in dem die Präsentation und die Vermittlung im Vordergrund stehen. Wer nicht nur das Museum (oder den Kulturbetrieb) selbst als Erfahrungsraum begreift, sondern anerkennt, dass es eine Vielzahl von noch unerschlossenen, aber für die eigenen Inhalte erschließbare Erfahrungsräume gibt, der beginnt, sich von den Besucherzahlen zu lösen. Ausgehend vom musealen Erfahrungsraum, kann man die Vermittlung auch außerhalb des Museums betreiben. Die Inhalte sind nicht an den Erfahrungsraum „Dauerausstellung“ gebunden. Die Vermittlung gehört zu den Kernaufgaben eines Museums, muss aber mehr umfassen, als klassisch unter Vermittlung verstanden wird. Der Museumsbund definiert Vermittlung u.a. so:

Vermittlungsarbeit im Museum gestaltet den Dialog zwischen den Besuchern und den Objekten und Inhalten in Museen und Ausstellungen. Sie veranschaulicht Inhalte, wirft Fragen auf, provoziert, stimuliert und eröffnet neue Horizonte. Sie richtet sich an alle Besucher/innen und versetzt sie in die Lage, in vielfältiger Weise vom Museum und seinen Inhalten zu profitieren, das Museum als Wissensspeicher und Erlebnisort selbständig zu nutzen und zu reflektieren. Vermittlungsarbeit ist integraler Bestandteil der Institution Museum und realisiert maßgeblich und nachhaltig ihren Bildungsauftrag.

Ferner werden die Inhalte so definiert:

Ausgehend von der jeweiligen Sammlung und den Ausstellungen vermittelt Museumspädagogik Informationen und Erlebnisse. Sie stellt Zusammenhänge dar, arbeitet objektangemessen, ganzheitlich und fächerübergreifend mit Gegenwartsbezug und Handlungsorientierung. Vermittlungsarbeit macht die Institution Museum transparent und fördert eigene Zugänge der Besucher zu den Präsentationen.

Das „Problem“ dieser Formulierungen ist, dass auch hier der Schwerpunkt auf den „Besucher/innen“ liegt, d.h. die Vermittlung implizit als Mittel der Besucherzahlengenerierung gesehen wird. Hiervon muss man sich in einem ersten Schritt lösen und sich auf die Vermittlung besinnen. Um die Möglichkeiten, außerhalb der eigenen Dauerausstellung Inhalte zu vermitteln, dabei die Generierung von Besucherzahlen zu vergessen, um am Ende das Modell einer möglichen Kennziffer zu erhalten, das Besucherzahlen zwar berücksichtigt, aber nicht mehr in den Mittelpunkt stellt, darum soll es in den folgenden Wochen in verschiedenen Beiträgen gehen.

Die Beiträge sind dabei bewusst als Diskussionsgrundlage gehalten, in der Hoffnung, dass durch die Diskussion ein mögliches Modell für eine Alternative „Erfolgsmessung“ im Kulturbereich geschaffen wird. Bis zum nächsten Beitrag heißt es also: Vergesst die Besucherzahlen!

Claus Hock
Going Social

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