Ich sitze gerade auf einer Bank, vor einem kuschelig warmen Kachelofen und lausche der Erzählung einer sympathisch klingenden älteren Dame, über das Leben einer Magd an meinem mittelalterlichen Hof. Die dem Inhalt entsprechende Geräuschatmosphäre lässt mich umgehend in die Geschichte abtauchen und ich bin voll und ganz in der Erzählung versunken, als plötzlich eine junge Frau in Begleitung eines kleinen Mädchens den Raum betritt. In einem Sekundenbruchteil verfinsterte sich die Miene der Kleinen, ihrem Blick war genau zu entnehmen, was sie dachte: „Warum sitzt diese erwachsene Frau auf dem Mitmachplatz für Kinder?“. Mit einem Gefühl bei etwas ertappt worden zu sein, was sich nicht gehört springe ich sofort auf und mache den Platz frei für das Kind. Sie setzt sich umgehend und die Erzählung beginnt von vorn. Zugegeben, ich bin noch immer etwas traurig, dass ich das Ende der Geschichte nicht erfahren habe. Es erschien mir dann doch irgendwie nicht richtig zu warten, bis die Kleine sich den Bericht angehört und die dazugehörige Quizfrage im Begleitbogen beantwortet hat, um mich dann erneut der Zuhörstation zuzuwenden.

Als Mitarbeiter an einem Museum ist man natürlich allein durch die Sache der Natur schon von vorn herein anders gepolt, sobald man sich in eine Ausstellung einer Kultureinrichtung begibt. Der Blick, nicht nur auf die Ausstellung an sich, sondern auch die Technik, Aufbau, Präsentation usw. kann für Begleitpersonen schon einmal zur Geduldsprobe werden, wenn vor einer Vitrine stehend die ausgewählte Beleuchtung bewundert und analysiert wird. Doch in meinem Fall kommt noch ein besonderes persönliches Interesse zum Tragen: Ich liebe die Aufbereitung für die jüngsten Besucher. Egal, ob Kinderführer, Spiele, Audioguides oder speziell aufbereitete Ausstellungstexte. Oft lese ich bei zweifacher Ausführung von Begleittexten zuerst die „kindgerechte“ Version, bevor ich mich mit dem „regulären“ Text beschäftige.

Die „kindergerechte Aufbereitung“ von Ausstellungsinhalten nimmt in den meisten Kultureinrichtungen einen wichtigen Stellenwert ein. Und so ergibt es sich, dass immer neue Konzepte gibt, die in die Neu- und Aufbereitung von Ausstellungen einfließen. Ich habe große Freude daran Hinweise zu suchen, Quizfragen zu beantworten, mich in vergangene Zeiten hineinversetzen zu lassen oder mit Maskottchen durch die Ausstellungsräume zu wandern und so Räumlichkeiten zu entdecken.

Wieso, Weshalb, Warum, die klassischen Fragen, die schon eine Kinderserie stellt, sind auch im Kulturbetrieb treibende Elemente.  Wieso hat man etwas auf diese Art gemacht und warum? Weshalb gibt es eine Kultur nicht mehr? Wie riecht etwas und wie fühlt es sich an? Was hat man in früheren Epochen gegessen? Wie funktioniert das? Es gibt so viele Fragen die darauf warten beantwortet zu werden. Mitmachen, ausprobieren, erfahren. Kindern wird Wissen mittels spannender und informativer Elemente vermittelt – und das Kind in mir macht einen Freudensprung.

Das große Problem bei den meisten Angeboten ist aber, dass sie von Erwachsenen entworfen werden. Natürlich muss die Planung durch einen Erwachsenen erfolgen, aber der Blick auf das kindliche Bedürfnis ist oft zu sehr auf die zu vermittelnden Inhalte fixiert – schließlich soll auch etwas gelernt werden – als darauf, wie es von den Kindern wahr genommen wird. Es ist ein schmaler Grat auf dem sich Entwickler von pädagogischen Inhalten bewegen. Die Antwort auf aufkommende Fragen ist aber einfach und unkompliziert zu beantworten: Holt die Kinder mit ins Boot! Kinder sind bekanntlich scharfe Kritiker und nehmen häufig kein Blatt vor den Mund. So kann es natürlich vorkommen, dass eine Idee, die in allen Planungsrunden als gelungen und durchdacht abgesegnet wurde, sich in der Testphase als großer Reinfall offenbart, da es von den „Testpersonen“ nicht im vorgesehenen Rahmen akzeptiert oder verstanden wird. Aber auf diese Art und Weise erspart man sich schon vor der – oft kontenintensiven – Realisierungsphase viel Ärger und auch die Ungewissheit, wie das fertige Projekt wohl beim spezifischen Publikum ankommt.

Auf diese Weise passiert es dann, dass man in seiner Einrichtung Szenen beobachten kann, wie ich es erlebt habe, mit der jungen Dame, welche mich von dem Kachelofen vertrieben hatte. Denn am Ende des Rundganges erwartete sie an der Kasse eine kleine Belohnung, woraufhin sie aufgeregt und freudig verkündete: „Mutti, das ist genau so, wie in dem letzten Museum, wo wir waren! Da habe ich auch einen Preis gewonnen. Weißt du was: Ich glaube ich mag Museums!“. In diesem Sinne glaube ich, ich mag Kultur. Und ich möchte an die erwachsene Generation appellieren, nehmt vermittlungspädagogische Angebote wahr. Denn in meinen Augen ist es ein außerordentliches Kompliment an die Designer der Vermittlungsangebote, wenn auch andere Zielgruppen Freude an deren Konzeptionen finden.

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Stefanie Karg

Kunsthistorikerin M.A.
Fachreferentin für Kulturtourismus und -marketing
Arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Museum Schloss Moritzburg in Zeitz.
Vorstandsvorsitzende von Kultur hoch N e.V.
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One thought on “Ich glaube, ich mag Kultur”

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