Zum Einstieg in unsere Blogparade #kulturalltagcorona2 kurz ein wenig zu dem, was ich als Kulturgenießerin und weniger -macherin seit meinem Beitrag zu Teil 1 erlebt habe. Ein großer Teil davon hat bereits Eingang in meine seitdem erschienenen Blogeinträge gefunden:

erste Museumsbesuche in den Niederlanden im August
– die verzweifelte Suche nach Outdoor-Probenorten für den kleinen Chor, in dem ich singe
– eine Ausstellung, die bis zum jetzigen Zeitpunkt nur rund zwei Wochen lang dem Publikum offen stand und andere Themen als Beitrag zur Blogparade #femaleheritage
– eine Mitmachaktion zum Thema HOFFNUNG, das online und auf Bannern umgesetzt wurde
– die Beschreibung eines Kulturerbeprojekts, das ich geleitet habe

Nicht in den Blog mit eingeflossen sind Onlinebesuche von weiteren Konzerten, ähnlich wie im vorherigen Beitrag beschrieben. Ein wirkliches Highlight war aber ein Privatkonzert, das ich für mich und einige Freunde gebucht hatte. Meinen Geburtstag feiere ich eigentlich nie, aber in diesem Jahr war es mir ein Bedürfnis, im dunklen Winter bei regionalen Inzidenzwerten um die 200 dem allgemeinen Geseufze von wegen „Nichts geht!“ ein klares „Und ob was geht!“ entgegen zu setzen. Wenn ich schon niemanden live treffen konnte, dann doch wenigstens online bei einer gemeinsamen Veranstaltung und jeder hübsch bei sich zuhause am Bildschirm.

Privatkonzert zum Geburtstag

Ebenso habe ich mir Tickets für mehrere Auftritte eines von mir geschätzten Magiers gegönnt. Jora (Magica Poetica) hat mit großem Aufwand ein einstündiges Zoomprogramm ausgearbeitet, bei dem er es versteht, als Zauberkünstler und Geschichtenerzähler auch per Video sein Können auszuspielen. Das gelingt nicht all seinen Kollegen, wie ich an anderen Stellen erlebte.

Angeschaut habe ich mir mehrere online abgehaltene Poetry Slams, veranstaltet u.a. von den Machern des Slammer Filet Bremen als Teil des tollen Bremer Programms Club100 und dem Radioactive Slam Lingen. Auch wenn viele wunderbare Texte dabei waren und Slammer, die ich mir gefallen, fehlte mir in der publikumslosen Atmosphäre viel von der Dynamik, die sonst im Saal aufkommt. Das fand ich sowohl für die Macher als auch die Künstler traurig. Technische Tücken bei der Übertragung waren ebenfalls Stimmungskiller.
Als Zuschauer alleine am Schreibtisch zu konsumieren ohne gemeinsames Applaudieren, Lachen, nachdenklich zustimmendes Nicken oder die schnelle Diskussion über Bewertungen, ist trist. Da wünsche ich mir schnellstmöglich die lebendigen Dichterwettstreitabende zurück. Immerhin war es ein Anreiz für mich, etwas Neues auszuprobieren: Ich habe im April bei einem mehrteiligen SLAMinar mitgemacht, einem Schreibworkshop für Slamtexte. Das ging natürlich nicht vor Ort, sondern in kleiner Gruppe als Videokonferenz, geleitet von Marian Heuser.

Kaum zu glauben, aber ich habe tatsächlich zwei Offline-Livekonzerte erlebt seit dem Ende der ersten Blogparade: Auf der atmosphärischen Bad Bentheimer Freilichtbühne gab es Ende August ein Wochenende mit je einem Film- und Konzertabend. Der große Aufwand beim Hygienekonzept hat sich gelohnt, die Veranstaltungen mit fester Sitzplatzvergabe waren sehr gut besucht. Die niederländische Band ENorm und die anderen Auftretenden genossen es, endlich einmal wieder vor Publikum zu spielen, auch wenn die Ränge mit der nur 25%igen Belegung leer wirkten. Direkt vor Beginn des „Lockdown Light“ konnte Ende Oktober in einer Kirche in meiner Nähe noch ein Auftritt des Gitarristen Jens Kommnick aus der Reihe Konzert im Museum stattfinden. Einem Teil des Publikums war anzumerken, dass sie die Musik und Stimmung geradezu in sich aufsogen in dem Wissen, dass es lange dauern könnte, bis so ein Abend wieder möglich wird. Eigentlich wäre Kommnick Monate zuvor an gleicher Stelle zusammen mit den beiden Kollegen von Iontach aufgetreten, doch das Konzert musste coronabedingt auf unbestimmte Zeit verschoben werden.

Jens Kommnick – Solokonzert

Um bei Musik zu bleiben: Der bereits letzten September beschriebene Hobbychor hat seit einiger Zeit sogar seine mittelprächtig besuchten Onlineproben via Zoom ausgesetzt. Wie auch bei anderen Chören wurde schlichtweg das Geld zu knapp, um den Pianisten und die Chorleitung zu bezahlen. Dass 2020 keine gebuchten Auftritte stattfanden, reißt ein dickes Loch ins Chorsäckel. Die Mitgliedsbeiträge alleine können die Kosten der Honorarkräfte nicht decken. Derzeit gibt es mehrere Studien dazu, wie Amateurchöre überhaupt noch arbeiten bzw. ob Chöre sich in Auflösung befinden. Eine davon hat das Deutsche Musikinformationszentrum ausgewertet. Immerhin läuft ein Onlinechorprojekt unverdrossen weiter, dem ich mich Ende Oktober angeschlossen hatte. Der Chorleiter stellt seine Zeit für die Vorbereitung der Übungsdateien und Einsingvideos, Zoomkonferenzen sowie Video- und Audioschnitt, ehrenamtlich zur Verfügung. Freiwillige Spenden gehen in die teure Hard- und Software.

Chorprobe - geschlossene Gesellschaft
Chorprobe – geschlossene Gesellschaft

Anfang Januar 2021 war an einen Besuch des Amsterdam Light Festivals für mich natürlich nicht zu denken, da ein Aufenthalt in den Niederlanden von mehr als 24 Stunden eine zehntägige Quarantäne im Land nach sich gezogen hätte. So kann ich nur berichten, was im Internet dazu verfolgen war: Das Konzept der Präsentation der Lichtinstallationen war umgestrickt worden. Die Bootstouren fielen natürlich weg, auch ein ausgeschilderter Rundweg zur Erkundung der Kunstwerke wurde bewusst nicht angeboten, um Menschenansammlungen zu vermeiden. Die Arbeiten wurden breiter über die Grachten rund um die Innenstadt verstreut. Selbst als sich großflächig ausbreitende Freiluftveranstaltung war das Festival trotz allem lange von der kompletten Absage bedroht gewesen. Für die Saison 2021/22, der zehnten Ausgabe des Festivals, wird es ein Wiedersehen mit einigen der beliebtesten Werke der vorherigen Jahre geben. Darüber konnte online bereits abgestimmt werden.

Kürzlich habe ich die coronakonforme Möglichkeit genutzt, einen neu entstandenen Soundwalk „Stadt im Fluss“ durch Lingen zu machen (s. Facebook). Der informative und klanglich verspielte Weg durch den Lingener Stadtkern macht neugierig auf mehr und wird dauerhaft das Angebot an touristischen Stadtführungen sinnvoll ergänzen. Gefördert wurde die Entstehung des Projekts des Klangkünstlers Ansgar Silies unter anderem aus Mitteln des Soloselbständigenprogramms „Niedersachsen dreht auf“.

Das kleine Kunstmuseum unter ehrenamtlicher Führung, für das ich mich einsetze, hat seit Ende Oktober geschlossen. Nach der Frühjahrsausstellung wurde auch die geplante Sommerausstellung bereits gestrichen, denn die zusammen mit dem Landkreis Grafschaft Bentheim entstandene Herbst/Winter-Ausstellung hat bislang nur rund zweieinhalb Wochen Besucher begrüßen dürfen. Da die Leihgeber ihr Einverständnis gegeben haben, wird Frauenpower nun noch den Sommer hindurch zu sehen sein, bevor im Herbst eine Jubiläumsausstellung zum 25-jährigen Bestehen des Museums folgt.
Immerhin konnte sich das Museum mit dem Mitmachprojekt „HOFFNUNG“ online und mit großen Bannern präsentierren und damit regelmäßig auch in der Presse zeigen.

Galerie der Einsendungen zum Projekt „HOFFNUNG“

Die Programmkinoinitiative, der ich angehöre, hat sei Anfang März 2020 keinen Film mehr zeigen können. Seit dem Herbst gibt es alle zwei Monate ein Zoommeeting der Aktiven für weitere Planungen. Derzeit schielen wir noch verhalten in Richtung September und hoffen auf eine Open Air Veranstaltung in Kooperation mit anderen. Ob wir im Spätherbst wieder unsere Indoorspielstätte nutzen können, bleibt abzuwarten.

Dass die Coronazeit viele Dinge dauerhaft verändern wird, war mir bewusst. Bisher ist kaum abschätzbar, wie viele Gastronomie- und Beherbergungsbetriebe oder kleine Kultureinrichtungen auch bei weitreichenden Lockerungen erst gar nicht wieder öffnen oder nach kurzer Zeit den Betrieb mangels Rentabilität einstellen werden. Meine zahlreichen Amsterdambesuche, die Grundlage einiger Blogbeiträge hier waren, führten mich seit 2013 stets in das gleiche kleine Hotel. Eine Mitarbeiterin schrieb mir vor einigen Tagen, dass die Eigentümer das Haus nun verkauft haben. Ich werde mich nach einem neuen „Zuhause“ umsehen und ohne das nette Team mitsamt Hotelkater auskommen müssen.


Die Impfzahlen steigen, die regionalen Inzidenzwerte der dritten Welle fallen, Museen dürfen an vielen Stellen wieder öffnen und vorsichtig optimistisch werden für den Sommer Veranstaltungen im Außenbereich geplant. Ich hoffe, dass nun ein Trend einsetzen wird weg von „alles nur online“, hin zu Onlineformaten als sinnvollen Ergänzungen zu Kulturprogrammen und dass man Kulturbegeisterten bald wieder real bei Veranstaltungen begegnen kann statt nur in Briefmarkengröße als Teil eines Videokonferenzbildschirms.
Neugierig bin ich darauf, wie sich in den kommenden Jahren eine neue Normalität im Kulturspektrum einpendeln wird, in der bei Planungen künftig mögliche Hygiene- und Abstandsregeln stets mitgedacht werden müssen. Erst einmal müsste dazu in einigen Regionen auch eine erneuerte Form von Wertschätzung erfolgen. Eine, in der nicht bedeutende Kulturzentren als Impfzentren herhalten müssen und damit ein Neustart verhindert wird.

Birgit Baumann
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