Tja, wie war es nun, dieses Corona-Jahr?
Schockstarre im vergangenen Jahr: Viele der anstehenden Workshops, Entwürfe und Auftritte wurden kurzerhand abgesagt oder verschoben. Und was ist mit den geplanten Einnahmen? Pech gehabt. Der Spruch des vergangenen Frühlings war: „Wir verschieben es dann auf Anfang des nächsten Jahres“.
Pustekuchen! Von den aufgeschobenen Projekten läuft bis heute noch keines und manch ein Projekt wird sicherlich auch gar nicht mehr realisiert werden. Dafür kann aber natürlich niemand etwas – die Corona-Schutzmaßnahmen waren aus meiner Sicht in fast allen Fällen sinnvoll und vollkommen gerechtfertigt.

Im Frühjahr letzten Jahres hat sich schnell bewahrheitet, was mir vor 13 Jahren geraten wurde, als ich den Schritt in die Selbstständigkeit wagte: Mehrere berufliche Standbeine sorgen für eine gewisse Krisensicherheit. Was in meinem Arbeitsalltag oft kompliziert und anstrengend ist, wurde für mich nun wertvoll: breit aufgestellt zu sein. Mein beruflicher Spagat aus Bühnenbild, Musik, Klangkunst, Workshops, Dozententätigkeit, Malerei, Grafik und kirchlicher Kunst hat sich glücklicherweise als recht krisensicher erwiesen. Theater, Workshops und Grafik traten pandemiebedingt in den Hintergrund, dafür konnte ich allerhand kirchliche Kunst und klangliche Arbeiten realisieren und mich so durch das Corona-Jahr hangeln.

Klangreise „Bodemschatten/Bodenschätze“ 2019
Projekt „Alle draait/Alles läuft“ 2019

Würde ich – wie zu Beginn meiner Selbstständigkeit – immer noch ausschließlich fürs Theater arbeiten, so hätte ich seit nunmehr einem Jahr quasi keine Einnahmen gehabt. Für meine Bühnenbild-, Kostüm- und Schauspielkolleg*innen bestand lange Zeit de facto ein Berufsverbot, das von staatlicher Seite aber nicht als solches anerkannt wurde. Viele Theater und Veranstaltungshäuser konnten staatliche Hilfen beantragen, ihre fest angestellten Mitarbeiter*innen in Kurzarbeit schicken o. ä. – doch die ebenso wichtigen, freien Mitarbeiter*innen gingen leer aus bzw. waren auf Kulanz und Unterstützung ihrer Auftraggeber angewiesen. Mich selbst hat es zum Glück nicht getroffen, doch einige meiner Kolleg*innen hatten von heute auf morgen keinerlei Aufträge mehr und mussten in die Arbeitslosigkeit gehen.

Hilfsprogramme beinhalteten im vergangenen Jahr immer nur die Erstattung von Betriebskosten – die finanzielle Unterstützung durfte nicht für private Miete, Lebensmittel etc. verwendet werden. Doch soloselbständige Kreative haben meistens kaum Betriebskosten. Sie arbeiten von zuhause, nutzen den privaten PKW und das private Internet. Aus ihren Einnahmen bestreiten sie größtenteils direkt ihren Lebensunterhalt. Schade, dass die Politik diese Lebensumstände und damit die Probleme der Soloselbstständigen einfach nicht zu kennen scheint.

Die staatliche Unterstützung bestand bis Ende 2020 für freie Künstler und Theaterschaffende einzig darin, kostengünstige Kredite anzubieten, Beiträge zur Künstlersozialkasse vorübergehend zu senken und den Selbstständigen Hartz IV anzubieten.

Kredite müssen früher oder später zurückgezahlt werden – das Problem wird im Grunde nur verschoben. Die eigenen Sozialversicherungsbeiträge zu senken, ist sicherlich kurzfristig hilfreich – natürlich sinkt dadurch aber auch die Höhe der späteren Rente. Und Hartz IV: warum soll man sich arbeitssuchend melden, wenn man doch einfach nicht arbeiten darf, weil die Theater geschlossen wurden? Viele Theaterhäuser hatten ein Anrecht auf finanzielle Unterstützung, Kurzarbeit etc. Freie Mitarbeiter*innen fielen jedoch zumeist durch das Raster dieser Hilfsprogramme. Man merkte zunehmend, dass „wir Freien“ keine Lobby haben, nicht oder zu wenig in Verbänden organisiert sind, um gehört zu werden. Auch das ist eine wichtige Lehre aus der Corona-Zeit: Wir müssen uns besser organisieren und unsere Kräfte bündeln, um gehört zu werden.

Einige Bundesländer erarbeiteten schon früh gute Hilfsprogramme für Kreative, Niedersachsen war leider recht spät dran. Aber immerhin: Ende des Jahres 2020 besserte sich die Situation auch hier. So durfte ich an dem Hilfsprogramm „Niedersachsen dreht auf“ teilnehmen. Unterstützt vom TPZ Lingen konnte ich die Förderung für die Konzeption und Realisierung des Soundwalks „Stadt im Fluss“ beantragen. [s. auch Lauschekammer und Kultur hoch N bei Facebook]

Das Projekt war derart gestaltet, dass für mich und andere soloselbstständige Kreative einige Einnahmen generiert wurden. Hinzu kommt, dass ich endlich wieder mit Kultur an die Öffentlichkeit gehen konnte. Eine einfache und gute Lösung, sind doch die meisten Soloselbständigen während der Pandemie gar nicht auf staatliche „Almosen“ aus, sondern wollen einfach arbeiten. Ein anderes gutes Beispiel für funktionierende Hilfsprogramme ist sicherlich das Stipendienprogramm in NRW. Mittlerweile gibt es zudem auch wirksame und durchdachte staatliche Unterstützungsprogramme, die Betroffenen zumindest einige Monate lang die ärgsten Existenzsorgen nehmen.

Nun aber genug von Politik und Finanzen

Was hat Corona eigentlich mit meiner künstlerischen Arbeit gemacht?
Mir ist klar geworden, dass ich einige Dinge effizienter gestalten kann: Nicht für jede Besprechung muss man sich wirklich treffen, nicht jeder Ortstermin ist notwendig – genauso wie ich privat nun gut darauf verzichten kann, wegen ein paar Kleinigkeiten den Supermarkt aufzusuchen. Im Fall meiner Dozententätigkeit an der Hochschule finde ich sogar durchaus Gefallen daran, nur für einige wenige, gut durchgeplante Prüfungstermine nach Hannover zu reisen. Zoom, Skype, Teams und Co. können so manch einen Termin gut ersetzen und ich war überrascht zu sehen, welche hervorragenden Tools es teilweise für das digitale Vermitteln von Inhalten gibt.

Mehr Zeit also für das Wesentliche? Nein, das leider nicht. Meine Zeitplanung ist seit Pandemiebeginn ziemlich chaotisch. Zwar waren Beruf und Privatleben bei mir schon immer relativ stark miteinander vermischt, doch diese Mischung hat während des Corona-Jahres durch die Organisation unserer Kinder ganz neuen Zündstoff bekommen. Mal ist Kindergarten möglich, aber nur ein paar Stunden. Dann fällt die Schule plötzlich ganz aus. „Homeschooling“. Wechselmodell, tageweise.
Wer betreut die Kinder wann?
Wie bekommen wir unsere Arbeitszeiten unter einen Hut?
Und was ist, wenn der Kindergarten übermorgen doch wieder schliesst?
Wir als Eltern gaben uns zeitweise nur noch die Klinke zum (glücklicherweise vorhandenen) Arbeitszimmer in die Hand. Heute Du früh, ich spät. Morgen Du während der Schule, ich dann nachmittags. Aber mittags ist noch ein Termin reingerutscht.
Wer macht dann das Essen?
Wer bringt die Kinder und wer holt sie ab?
Was vor der Pandemie durch eine Regelmäßigkeit organisiert und eingespielt war, muss nun täglich neu besprochen werden. Der Terminkalender verhält sich wie eine zähe Flüssigkeit, die man nicht wirklich zu fassen bekommt. Und die Leidtragenden sind am Ende auch noch die Kinder. Die Kinder, die so im vergangenen Jahr so häufig zurückstecken mussten, so vieles nicht machen durften, soviel Rücksicht auf die Älteren nehmen mussten und jetzt auch noch ganz am Ende der Impfreihenfolge stehen. Aber dieses Fass will ich hier nicht auch noch aufmachen.

Es gibt seit mehr als einem Jahr kaum noch Tage, an denen ich länger als drei Stunden am Stück arbeiten kann, es sei denn, ich verlege meine Arbeit in die Nacht. Gut, dass ich überhaupt so flexibel arbeiten kann – für kreative Arbeitsprozesse ist diese Stückelung allerdings manchmal fatal. Kaum ist eine Idee geboren und grob skizziert, schon muss die Arbeit wieder unterbrochen werden. Es ist schwierig, dabei in einen kreativen „Flow“ zu kommen. Dennoch: wir haben uns daran gewöhnt, es könnte alles schlimmer sein, immerhin habe ich genug zu tun.

Auch dieses Mantra „Ich kann bzw. darf nicht klagen“ kann ich manchmal selbst nicht mehr hören und glauben, ABER: Alles in allem kann ich wirklich recht zufrieden auf die „Corona-Zeit“ zurückblicken. Für eine Pandemie solchen Ausmaßes bin ich ganz gut durchgekommen. Es sind zahlreiche neue Projekte und Aufträge geplant und die aktuellen Corona-Zahlen machen mir Hoffnung, dass es nun wirklich bergauf geht. Drücken wir alle die Daumen, dass wir bald wieder gemeinsam Kunst und Kultur erleben dürfen – oder um es im Theaterjargon zu sagen: TOI TOI TOI!


Dieser Text ist der zweite Beitrag zur Blogparade #kulturalltagcorona2.

Ansgar Silies
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