Mit großem Interesse habe ich den Beitrag zu Heimatmuseen von Lars Lichtenberg bei Kultur Hoch N am 15. Juli gelesen. Allerdings zeigt sich aus der Perspektive von Mecklenburg-Vorpommern ein anderes Bild zu den Aufgaben und Chancen von Heimatmuseen bzw. bei den hier so genannten Heimatstuben. Hier im Heimatverband Mecklenburg-Vorpommern verwenden wir den Begriff Heimatstuben für ehrenamtlich geleitete Museen, die im ländlichen Raum oftmals der nächste kulturelle Ort sind. Hier werden Gebrauchsgegenstände gesammelt, die ihren Gebrauchswert verloren haben, nicht aber ihren kulturellen. So gibt man sie in die Heimatstube, um sich dort darüber auszutauschen. Bis hierhin folge ich der Analyse von Herrn Lichtenberg.

Heimatstuben und ehrenamtlich geleitete Heimatmuseen sollten aber nicht an Museen mit ihren Aufgaben Sammeln, Bewahren, Forschen und Vermitteln gemessen werden. Dann stellen sich Heimatstuben zwangsläufig als „minderwertige“ Einrichtungen dar, deren Sammlungen unsystematisch sind und inkompetent aufbewahrt werden, wo Interessierte plaudern statt Experten forschen. Dort würden dann Objekte und zwar gezeigt, höchstens präsentiert aber doch wohl kaum vermittelt wird.

Vielmehr sind Heimatstuben ein eigener Ausdruck von Volkskultur mit einem Wert in sich. Die Kulturanthropologin Angela Janelli nennt sie „Wilde Museen“, die zum Teil andere Aufgaben und Funktionen haben als wissenschaftlich geführte Museen und eine eigene Kulturtechnik darstellen. So stehen im wissenschaftlichen Museum die präsentierten Objekte oft am Ende einer langen Kette von Historischer Forschung, anhand deren „die“ Geschichte erzählt und verdeutlicht wird. In Heimatstuben steht das Objekt im Mittelpunkt. Die Besucher verknüpfen die Objekte mit ganz unterschiedlichen Erfahrungen und Emotionen, sodass sich die Besucher und Sammler jeweils ihre eigene Geschichte und damit eine Vielzahl von Geschichten erzählen, über die sich die Menschen im Ort austauschen können. So ermöglicht gerade das Unsystematische und Subjektive in den Heimatstuben den Austausch über unterschiedliche Geschichtsbilder. Hier wird nicht Geschichte aus der Distanz erforscht, sondern gelebte Geschichtsbilder kommen ins Gespräch miteinander, wie es die Kulturforscherin Juliane Stückrad klug auf einem Podium des Projekts MoDem in Penkun feststellte. So ist genau die Feststellung, dass der Melkschemel und das Joch ein anderes Bild vom ländlichen Raum zeigt als historische Traktor, dass andere Menschen und Generationen andere Erinnerungen an „die gute alte Zeit“ pflegen. In den Heimatstuben in Mecklenburg-Vorpommern werden vielfach auch Gegenstände der Alltagskultur aus der DDR und der Wendezeit aufbewahrt. Hier können Heimatstuben ein Ort der Bewältigung des Wandels sein, im besten Falle ein Ort der Bewältigung von vergangenen Konflikten und Versöhnung. Das entkräftet den Vorwurf der (N)Ostalgie schon von Vornherein.

Die Art der Aufstellung in Heimatstuben mag das ästhetische Empfinden des akademisch gebildeten Museologen nicht ganz befriedigen. Allerdings folgt die Aufstellung der Objekte oft einer eigenen Systematik, Ästhetik und Pragmatik, die es wertzuschätzen gilt und die interpretationswürdig ist. Heimatstuben werden überwiegend als Schaudepots geführt, die dem Besucher eigene Entdeckungen ermöglichen. Es geht nicht darum, das Ausnahmeobjekt von allen Seiten als Kunstobjekt zu präsentieren. Vielmehr soll es im Zusammenhang mit seiner Alltagsbedeutung die Erinnerungen und Emotionen der Betrachter wecken. Das Erlebnis in der Heimatstube beginnt im Dialog mit dem Objekt und ereignet sich oft im Dazwischen.

Akuten Professionalisierungsbedarf sehe ich vor allem im Bereich des Bewahrens: Die Uniform des DDR-Grenzsoldaten ist nach 25 Jahren im Sonnenlicht nicht mehr grün sondern grau. Die Fotos vom alten Schulhaus mit dem Dorfschullehrer gehören nur als Kopien an die Wand, die Originale trocken verwahrt in den Schränken. Hier gilt es bezahlbare und auch für Laien zugängliche Lösungen zu vermitteln. Praktische Tipps, wie der Schutz vor UV Licht durch eine Abdeckung mit Leinentüchern, wenn das Museum geschlossen ist, und dass Drucksachen am besten zwischen chlorfreiem, ungebleichtem Papier aufbewahrt werden statt in Plastikhüllen, wenn nicht irgendwann der Aufdruck am Kunststoff kleben soll, wurden bei unserem letzten Runden Tisch Heimatstuben dankbar aufgenommen und umgesetzt. Hier erhalten wir im Heimatverband Mecklenburg-Vorpommern gute Unterstützung aus dem Museumsverband.

Ein zweiter Unterstützungsbereich ist die Öffentlichkeitsarbeit: Wenige Heimatstuben können im Internet gefunden werden, und wenn, dann oft über die Vereinsseiten der Kommune. Im besten Fall ist dann eine Kontaktperson mit Telefonnummer aufgeführt, die noch aktiv ist. Heimatstuben sind im Mecklenburg-Vorpommern oftmals noch Zufallsbegegnungen vor Ort, vielleicht auch mit einem regional ausgelegten Flyer. Hier sind wir als Heimatverband in MV auf der Suche nach Heimatstuben, um sie sichtbar zu machen und miteinander zu vernetzen. Dafür benötigen wir eigentlich dringend eine Projektstelle, die im ersten Schritt tatsächlich alle Kommunen anruft. Danach gilt es, die Heimatstuben darin zu unterstützen, sich öffentlich zu präsentieren, insbesondere im Internet. Hier hilft auch der Tourismusverband mit.

Ein dritter Bereich ist die Vermittlung: Wenn in Heimatstuben die regionalen und lokalen Geschichtsbilder ausgehandelt werden, so ist dies insbesondere wichtig für die Vermittlung an die nächste Generation. Hier ist unbedingt eine bessere Zusammenarbeit mit Schulen und Kindertagesstätten nötig. Jedoch haben die erwerbstätigen Ehrenamtlichen zur Schulzeit und nachmittags keine Zeit. Auch die komplizierte Fahrtorganisation in die ländlichen Orte erweist sich als unüberwindbares Hindernis. Hier müssen noch tragfähige Konzepte entwickelt werden, auch wenn einzelne Heimatstuben mit engagierten Rentnern schon gute Erfahrungen machen.
Wie die Heimatforschung im Umfeld von Heimatstuben zu beurteilen ist, ist sicherlich eine größere Debatte um „Citizen Science“ (Bürgerwissenschaft) und akademischer Geschichtsforschung, die hier den Rahmen sprengt. In Heimatstuben werden Objekte bewahrt, die von der – in Mecklenburg-Vorpommern übrigens mit Lehrstühlen nicht vertretenen – akademischen Regionalforschung (noch) zu wenig bearbeitet werden. So verdeutlicht zum Beispiel das Wolhynier-Museum in Linstow das wechselhafte Schicksal dieser deutschen Migrantengruppe auf eindrückliche Weise und mahnt zur Barmherzigkeit. Ohne ehrenamtlichen Enthusiasmus gäbe es das nicht.

Heimatmuseen und Heimatstuben sind im Wandel. Oftmals im ländlichen Raum ehrenamtlich geführt, unterliegen sie den Folgen des demographischen Wandels durch den Wegzug der jüngeren Generationen. Aber auch die Museumsgründer der 1990er sind mit ihrem Museum in die Jahre gekommen und kümmern sich oft erst in letzter Minute um eine Übergabe. Gleiches gilt für die mit ABM-Mitteln eingerichteten Heimatstuben in den 1990er Jahren, die nach dem Auslauf der Förderprogramme noch ehrenamtlich geführt wurden, nun aber keine jüngeren Engagierten mehr finden. In Mecklenburg-Vorpommern kommt dazu, dass viele Heimat- und Regionalmuseen in der DDR und in den 1990er Jahren von fest angestellten Museumsleitern geführt wurden, deren Stellen nach 2000 zunächst gekürzt und mit anderen Aufgaben belegt wurden. Geht die Mitarbeiterin in Rente, wird die Stelle nicht wiederbesetzt, während zeitgleich immer weniger Ehrenamtliche für die Betreuung eines örtlichen Museums zu finden sind. Ein Museumssterben droht. Zudem suchen überschuldete Kommunen nach alternativen Finanzierungsmodellen, die oftmals nicht tragen. Hier soll das Ehrenamt ersetzen, was nicht bezahlbar ist, ohne dass in den Übergang und Wandel investiert wird. Im schlimmsten Fall wird die Sammlung wie in Demmin aufgelöst – wobei hier immerhin die örtlichen Heimatforscher ein virtuelles Museum mit den digitalisierten Objekten aufrechterhalten. Abgesehen davon werden weiterhin auch Heimatstuben neu gegründet.

Heimatstuben als ehrenamtliche Einrichtung und Ausdruck von volkskultureller Auseinandersetzung mit der örtlichen Geschichte und Alltagskultur sollten nicht als minderwertige Museen betrachtet werden. Vielmehr sollten sie die notwendige Wertschätzung erfahren, die vom Engagement und den Möglichkeiten einzelner Akteure vor Ort abhängt. Dafür braucht das Ehrenamt hauptamtliche Unterstützung und Vernetzung. Im Heimatverband Mecklenburg-Vorpommern packen wir das auf drei Ebenen an: Heimatstuben finden, fördern und vernetzen! Dazu gehört, für den richtigen Umgang mit alten Objekten fortbilden, bei der Öffentlichkeitsarbeit helfen sowie die Übergabe rechtzeitig organisieren und Vermittlung an die nächsten Generationen als Aufgabe wahrnehmen. Aber mit diesem Aufgabenfeld haben wir im Rahmen unserer derzeitigen personellen Möglichkeiten erst begonnen.

Dieser Gastbeitrag von Frau Anna-Konstanze Schröder erreichte uns mit der Bitte, um Veröffentlichung als Reaktion auf den bei uns veröffentlichten Beitrag von Herrn Lars Lichtenberg zum Thema „Heimatmuseen – Neue Perspektiven oder Auslaufmodell„.

Sehr geehrte Damen und Herren,

mit großem Interesse habe ich den Text zu Heimatmuseen aus Niedersächsischer Perspektive gelesen. Seit einem Jahr arbeiten wir im Heimatverband Mecklenburg-Vorpommern intensiver am Thema und aus Sicht von Heimatverband und Volkskultur (statt Geschichtswissenschaft und Museum) stellen sich Heimatstuben resp. Heimatmuseen doch anders dar.

Ich bitte Sie daher, den angehängten Artikel als Replik in Ihren Blog aufzunehmen.

Vielleicht entwickelt sich daraus ja eine fruchtbare Debatte.

Mit freundlichen Grüßen,

Anna-Konstanze Schröder

 

„File:Grünewalde (Lauchhammer), Schulplatz 2, Eingang zur Heimatstube Südansicht von der Lindenallee, 01.jpg“by Wilhelm Zimmerling PAR is licensed under CC BY-SA 4.0

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