Die große Mehrheit der rund 6.500 Museen in Deutschland sind Heimatmuseen. Gerade im ländlichen Raum finden wir eine große Anzahl dieser zumeist ehrenamtlich betriebenen Einrichtungen. Für Niedersachsen gehen wir zurzeit von rund 700 Museen aus, von denen 450 ehrenamtlich betrieben werden. Sie zeigen die Geschichte des Ortes oder der näheren Region und haben, bis auf einige wenige Ausnahmen, den Fokus auf das ländliche Leben gerichtet. Kein Wunder, denn in der ländlichen Region ist dieses Thema natürlich vorherrschend. Diese Einrichtungen übernehmen mehrere gesellschaftliche Aufgaben, denn neben dem Bewahren, Sammeln und Präsentieren von Sachzeugnissen erfüllen viele Heimatmuseen soziale Aufgaben. Sie sind Orte der lokalen Erinnerung aber auch Orte der Gemeinschaft, des Zusammenkommens. Neudeutsch würde man sie vielleicht als „Place to be“ titulieren. Menschen mit dem gleichen Interesse an der Ortsgeschichte finden hier zusammen, tauschen sich aus und schaffen sich so ein Umfeld, in dem sie sich wohlfühlen können. Dem Sammeln von Objekten, oftmals mehr impulsiv als strategisch, wird dabei eine große Bedeutung beigemessen. Diese Museen bereichern zweifelsohne die kulturelle Landschaft, auch wenn die Anzahl der Besucher gering, der Erkenntnisgewinn aus Objektforschung kaum messbar und eine touristische Strahlkraft über den Ort hinaus nur in geringem Maße vorhanden ist. Aber sie sind „Zeitspeicher“, Objektarchive und bedeutend für eine lokale oder regionale Identität.

Viele dieser Museen haben mit Problemen zu kämpfen. Die Besucherzahlen sind im besten Fall stabil, in vielen Einrichtungen jedoch sogar rückläufig. Hinzu kommt eine Überalterung der Aktiven. Die ersten Heimatmuseen mussten in den vergangenen Jahren bereits schließen, weil es am Nachwuchs fehlte: Nachwuchs für den Vereinsvorstand, denn ein Großteil dieser Museen ist vereinsgetragen, aber auch an Nachwuchs für die im Museum aktiv tätigen Personen.

Als Mitglied eines Landkreisweiten Museumsverbundes in Niedersachsen, höre ich diese Sorgen immer wieder von den Kolleginnen und Kollegen aus den rund 25 Einrichtungen im Landkreis. Gerade im Moment scheint es eine regelrechte Welle an Neuwahlen in den Vorständen zu geben und leider finden sich nicht immer Bewerber für die vakanten Positionen. Was ist die Ursache dafür?

Auf meine entsprechende Frage bei den Kolleginnen und Kollegen, erhalte zumeist zwei grundsätzliche Antworten. Zum einen verzeichnen die Vereine einen Mitgliederschwund. Es treten weniger jüngere Menschen in die Vereine ein und es kommt zu einer Überalterung. Die zweite Antwort ist häufig, dass ein abnehmendes Interesse an der eigenen, beziehungsweise an der lokalen Geschichte zu verzeichnen ist.

Wenn wir von der Hypothese ausgehen, dass beide Antworten zutreffen, stellt sich die Frage, ob und gegebenenfalls wie man diese „Trends“ aufhalten kann.

Im Falle der sinkenden Mitgliederzahlen möchte ich einmal die Frage aufwerfen, ob eine Vereinsstruktur noch das richtige Gesellschaftmodell ist. Kernelement eines Vereins ist es, dass sich Menschen zur Ausübung des Vereinszweckes zusammenschließen und mittels einer Mitgliedschaft eine Verbindung mit dieser Rechtsform eingehen. In der Regel ist die Mitgliedschaft mit jährlichen finanziellen Aufwendungen in Form von Mitgliedsbeiträgen verbunden. Aus eigenem Erleben weiß ich, dass es früher Gang und Gäbe war, in mehreren Vereinen in seinem Heimatdorf Mitglied zu sein. Als Kind oder Jugendlicher wurde man Mitglied und zahlte einen reduzierten Mitgliedsbeitrag. Dann kam die Ausbildung oder das Studium und der Mitgliedsbeitrag, oftmals jetzt als Vollmitglied, begann die eigene, kärgliche finanzielle Situation zu belasten. Man optimierte die Kosten und trat aus Vereinen aus. Zumeist vergaß ich meine Mitgliedschaft in einigen Vereinen und merkte erst wenn die Jahresrechnung kam, dass ich hier und da noch Vereinsmitglied war. Für eine Kündigung war es zu spät und einmal mehr musste ich den Jahresbeitrag zahlen.

Diese Erfahrung lässt mich heute sehr genau überlegen, ob ich in einem Verein Mitglied werden möchte. Aber geht es denn auch anders? Es gibt Beispiele, bei welchen dieses Prinzip der „ewigen Mitgliedschaft“ nicht verfolgt wird. Beispielsweise könnte man sich hier ein System wie im Fitness-Club überlegen. Man zahlt seinen Beitrag zum Beispiel für ein Jahr und wenn man sein Abo nicht verlängert erlischt die Mitgliedschaft – sozusagen eine „Prepaid-Mitgliedschaft“. Dies bringt allerdings auch wieder andere Probleme mit sich, so ist die Besetzung von Vorstandsposten in diesem Fall sehr viel schwieriger und vermutlich auch rechtlich anders zu bewerten.

Vor Jahren schon erfuhr ich von einem anderen Weg. Ein Förderverein bestand aus genau sieben Mitgliedern und hatte in der Satzung festgelegt, dass die Mitgliedszahl nicht größer werden dürfe. Alle weiteren Förderer durften Ihren Jahresbeitrag spenden, waren aber keine Vereinsmitglieder. Dies hält natürlich die Vereinsregularien wie Jahreshauptversammlung, Vorstandssitzungen, Berichtstätigkeit und Satzungsänderungen sehr schlank. Dies war auch der Grund für eine derartige Konstruktion.

Nimmt man jedoch dieses Prinzip, so lässt sich hierdurch eventuell eine andere Form der unterstützenden Gemeinschaft finden. Die „Nichtvereinsmitglieder“ gehen keine Verpflichtungen ein und wenn sie zu Beginn des Jahres die Aufforderung zur Jahresspende erhalten, ist es Ihnen freigestellt, dem Spendenansinnen nachzukommen oder vielleicht mal ein Jahr zu pausieren. Ein Modell, über das sich nachzudenken und zu diskutieren lohnt, wie ich finde. Ich möchte aber auch betonen, dass dies nur ein Modell ist, welches vielleicht nicht für alle Museen umsetzbar ist. Vielleicht müsste man für die „Nichtvereinsmitglieder“ ein Forum schaffen, in welchem diese beispielsweise Einfluss auf die Vereinsentscheidungen ausüben können.

Ein weiteres Problem ist die abnehmende Begeisterung für die in den Museen dargestellten Themen. Nehmen wir ein einfaches Beispiel. Ein Heimatmuseum zeigt auch das Thema Landwirtschaft. Natürlich sind Spaten und Sense ausgestellt, vielleicht ein Melkschemel und möglicherweise auch ein alter Pflug. Aus meiner Erfahrung ist die Generation der 80-jährigen gerade noch aktiv mit diesen Gerätschaften umgegangen und kann vielleicht noch etwas zum Gebrauch derselben berichten. Aber genau diese Generation zieht sich im Moment immer stärker aus den Heimatmuseen aus Altersgründen zurück. Die möglichen Nachfolger sind im Schnitt vielleicht 15 Jahre jünger. Für einen heute 65-jährigen spielte sich Landwirtschaft aber schon ganz anders, moderner, ab. Er hat keinen direkten Bezug zum Melkschemel und weiß daher auch ein eher geringeres Interesse für das Heimatmuseum aufzubringen. Daher ist es wichtig, dass sich die Museen bereits bei Zeiten erneuern. Als Gegentrend zum Rückgang der Heimatmuseen ist ein Anstieg der Vereine zu verzeichnen, die sich beispielsweise mit historischen Traktoren beschäftigen, diese restaurieren und wieder in Fahrt setzen. Museen könnten so unter Umständen den Zeitschnitt ihrer Sammlungsaktivität an diesen Trend anpassen. Zudem wäre es aus meiner Sicht wünschenswert, wenn man die gesammelten Objekte, die bewahrten Fertigkeiten einer neuen Bewertung unterzieht. Gesellschaftlich hatte beispielsweise der Klimaschutz nie einen so hohen Stellenwert, wie dieser Tage. Über den Aspekt der Nachhaltigkeit und der Vermeidung von CO2-Emmissionen könnte man beispielsweise das Verspinnen von Schafswolle und das Weben oder Stricken von Kleidung wieder für eine breitere Öffentlichkeit interessant gestalten. Hier sind bei den Heimatmuseen kreative Ideen gefragt.

Beitragsbild: „120819_Wilfersdorf_A_ 109“by Tauralbus is licensed under CC BY 2.0

Lars Lichtenberg

Lars Lichtenberg

Museumsleiter bei Natureum Niederelbe
Historiker, Germanist mit mehrjähriger Erfahrung in verschiedenen Bereichen der Museumsarbeit sowie im Online-Publishing und in der Erwachsenenbildung.
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One thought on “Heimatmuseen – Neue Perspektiven oder Auslaufmodell”

  1. Lieber Lars,
    ich finde, du hast gut den Kern getroffen. Nicht nur den Heimatmuseen, sondern auch den Heimatvereinen u.ä. geht es ebenso. Der Generationswechsel und die damit einhergehende Ortsungebundenheit der „jungen Leute“ zeigen einerseits und die, wie du schön schreibst, geringen Bezüge zu manchen Themen andererseits die Problematik auf. Ich habe aber die Erfahrung gemacht, dass die Übergabe an die neue Generation sehr sensibel geschehen muss, ohne die „alten“ oder die „jungen“ Leute zu verknacksen. Manchmal ist es deshalb auch besser, herkömmliche Strukturen, wie eben ein Heimatmuseum oder einen Verein abzumelden, um Platz für Neues zu schaffen. Landesheimatbünde, wie in fast jedem Bundesland, können da zentrale Stellen zur Unterstützung sein. Sinnvoll wäre es da, Möglichkeiten aufzuzeigen, sowohl, um alte Strukturen neue Impulse zu geben, oder um neue Wege zu gehen, welcher Art auch immer. Auch der Museumsbund bietet mit seinen Broschüren Ansätze. Denn es kommen immer wieder neue Gernerationen, die sich ihrer Geschichte und Heimat bewußt werden, und mehr erfahren und auch aktiv mitmachen wollen.

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