Wer sich einmal die salzige Luft um die Nase wehen lässt, den Seeschwalben beim Manöverflug zuschaut und beobachtet,  wie sich die Wellen an den Seebuhnen brechen, kann sich der Schönheit des Weltnaturerbes Wattenmeer nicht mehr entziehen. Das Gefühl vom warmen, weichen Wattboden unter den Füßen, der sich langsam zwischen die Zehen drückt und dessen Zeichnung bei jedem Niedrigwasser anders aussieht – eine dynamische Landschaft. Man möchte nirgendwo anders mehr sein, die Zeit verliert in diesen Momenten an Bedeutung. Und so kommt man immer wieder zurück oder geht einfach nicht mehr weg.

Wie wurde wann wo gelebt?

Ein wenig zurückgeschaut – Während der Weichsel-Kaltzeit war das Wasser (in Nordeuropa und im nördlichen Mitteleuropa) in Gletschern gebunden und der Meeresspiegel lag circa 65 Meter tiefer als heute. Wir hätten zu dieser Zeit von hier bis nach England zu Fuß laufen können. Die Gletscher drangen bis nach Norddeutschland vor, sodass aus den verschiedenen Phasen Sandablagerungen zurückblieben und die Geest entstand, auf der auch die Stadt Esens gelegen ist. Vor circa 12.000 Jahren endete diese von Warmphasen und Kälteperioden geprägte Kaltzeit. Die Gletscher schmolzen und der Meeresspiegel stieg an. Durch die Gezeiten und durch Sturmfluten wurde Schlick aufgespült, der die Senken ausglich. Die Marschlandschaft entstand. Menschen siedelten sich an. Bevor der Deichbau begann, war es für das Überleben wichtig, am höchsten Landschaftspunkt zu siedeln. Denn die Flut kam regelmäßig und überspülte über Kilometer hinweg das Land. Im Winter war es besonders schlimm. Man siedelte auf der sicheren sandigen Geest. Hier war der Boden allerdings nicht so fruchtbar wie in der Marsch. So siedelten sich auch Menschen direkt an der Küste an. Man hatte hier den fruchtbaren Boden und war nah der Handelswege. Im Herbst kamen jedoch die Stürme und das Wasser riss die ungeschützten Häuser und alles was nicht in Sicherheit gebracht werden konnte, mit sich. So war es also klug im Winter auf die Geest zu ziehen und im Frühjahr zurück ans Wasser. Etwa im 3. Jh. v. Chr. begann man mit dem Bau von Warften/Wurten. Durch Menschenhand wurden Hügel aus Klei erschaffen, mit einem Kern aus Kuhmist als natürliche Isolierung. Ganze Dörfer fanden zum Teil darauf Platz und boten Mensch und Tier Schutz vor den Fluten. Auf einer versteckten Warft nahe der Küste findet man sogar einen der kleinsten Privatfriedhöfe Ostfrieslands, der 1474 angelegt wurde und bis heute in Benutzung ist. Die Warften mussten vielen Stürmen und den Fluten standhalten. Doch die See riss an ihnen und holte sich so manches Stück zurück. Der Meeresspiegel stieg weiter an und vor etwas mehr als tausend Jahren begann der Deichbau. Viele Warften wurden abgetragen, da das Material für den Deichbau benötigt wurde. Mit dem Deichbau änderte sich die ganze Siedlungsstruktur an der Küste. Schutz und Landgewinnung waren die Intentionen. Das ist allerdings ein eigenes Kapitel.

Die See gibt und die See nimmt – welche Geschichten erzählt sie dem wachen Zuhörer?

Nach Sturmfluten oder auch bei besonders günstigem Niedrigwasser gibt das Watt seine Geheimnisse preis. Es liegt an uns die Hinweise zu deuten und ein Bild der Siedlungsgeschichte des Harlingerlands zu zeichnen. Einige Jahrhunderte vor Beginn des Deichbaus, lag die „alte Marsch“, natürlich gewachsen, vom Meer gegeben,  vor der heutigen Deichlinie. Wo wir heute nur noch Watt und Meer sehen, gab es einst besiedelte Dörfer. Anders als in alten Sagen beschrieben, wurden die Dörfer nicht durch eine große Sturmflut ins Meer gerissen. Der Meeresspiegel stieg an, die Strömungen veränderten sich und die Fluten fraßen an den Dörfern. Und die See hat sich peu à peu das Land zurück geholt. Somit wurden die Dörfer mit der Zeit aufgegeben. Einige Dörfer hat man hinter der neuen Deichline wieder errichtet. Das Dorf Otzum allerdings überließ man dem Meer anstatt es neu zu errichten. An das Dorf erinnert nur noch ein Findling mit einer Erinnerungstafel darauf. Man erzählt sich, dass bei Niedrigwasser und besonders guter Sicht, noch die Kirchturmspitze der Otzumer Kirche aus dem Watt ragt.

Seit über 30 Jahren erforscht Axel Heinze bereits das Watt und ist mehr als einmal fündig geworden. Seine Ergebnisse sind zu sehen im Museum „Leben am Meer“ in der Esenser Peldemühle. Vor etwa zwanzig Jahren hat das Watt zwei besondere Funde freigegeben. Bei einer Wanderung im Benser Watt im Jahr 1993 stolperte die Gruppe über etwas, das aus dem Watt herausragte und aussah wie ein Stein. Neugierig gruben sie und je weiter sie gruben, desto mehr kam zum Vorschein. Es waren die Gebeine eines Menschen, einer Frau. Wer war sie, was hatte sie zu erzählen und wie alt mochte sie sein? So, wie sie dalag, wurde klar, dass sie keiner Sturmflut zum Opfer gefallen sein konnte. Sie wurde beerdigt. Aber eine christliche Bestattung war es nicht. Die Leiche war nicht mit dem Blick nach Westen bestattet. Sie lag mit Blick in den Osten, die Knochen durch biologische Prozesse im Watt schwarz gefärbt,  geschmückt mit einer sächsischen Fibeltracht. Diese Frau war offenbar keine Christin. Nachdem man das Skelett geborgen hat, bekam es den Namen Bensi.

Nach eingehender Untersuchung stellte sich heraus, dass Bensi eine Frau war und vor etwa 1500 Jahren an unserer Küste gelebt hat. Gestorben ist sie im Alter zwischen 40 und 50 Jahren. Sie war gesund, hatte keine Mangelerscheinungen. Eine Kerbe am rechten Schneidezahn gab Rätsel auf. Heute geht man davon aus, dass Bensi viel genäht hat und immer den Faden durchbiss, so kann diese Kerbe entstanden sein. Man hatte also das Dorf aufgegeben, und sicherlich mitgenommen was man tragen konnte. Den Friedhof konnte man nicht mitnehmen und man findet heute noch Überreste der einstigen Bewohner Otzums.

Von der Neugier gepackt – Auf Spurensuche

Von der Neugierde gepackt, ging es im April bei besten Bedingungen raus ins Benser Watt, auf der Suche nach den Geheimnissen der verschollenen OrtschaftEin paar Kilometer, teils keinen festen Wattboden unter den Füßen, und bis zu den Waden im Watt, erreichten wir die Fundamente der einstigen Kirche.

So, dachte ich, endlich in Otzum. Glücklich über diesen Fund suchte ich schon nach Schätzen der Dorfbewohner, als mein Wattführer sagte: „Na, dann können wir ja jetzt nach Otzum laufen.“  Aber wir waren doch schon in Otzum. Nein, dieses war die Kirche, dann ging es über den Friedhof ins Dorf. Ich wünschte mir ein Ortsschild. Im Dorf angekommen, fanden wir neben den Austernbänken einige Tierknochen, anhand der Bruchstellen konnte man erkennen dass es wohl Küchenabfälle der damaligen Zeit waren. Wir fanden Scherben, kleinere menschliche Überreste und etwas ganz kurioses – Wattsteine. Versteinertes Watt, so etwas hatte ich noch nie gesehen.  Wie Wattsteine entstehen, ist noch nicht ganz klar. Es muss eine Art biologischer Prozess in Verbindung mit einer Art Kalk sein, die laut Untersuchungen aber von sich aus im Watt nicht vorkommen. Meist werden Wattsteine im Umkreis einiger Meter von menschlichen Knochen gefunden. Darin könnte eine Verbindung bestehen.

Nachdem einige Steine im Eimer zum Transport verstaut waren, stieß ich auf einen Tuffstein, der nur mittelalterlich sein konnte. Ich klemmte mir den Stein unter den Arm und trug ihn drei Kilometer durch das Watt. Die letzten 600 Meter bis zum Ufer waren die Hölle, und ich dachte kurz über die Alternative, im Watt zu bleiben, nach. Aber der Sonnenuntergang, die traumhafte Landschaft und natürlich unsere Ausbeute waren die Anstrengungen und den nassen Hintern wert.

Dass es dort wo wir gerade herumgelaufen sind, immer mit dem Blick auf die Uhr, um rechtzeitig mit dem auflaufenden Wasser zurück zu sein, einmal Land, Moor und Wälder gegeben hat, ist fast unvorstellbar. Wenn man genau hinsieht kann man die Baumwurzeln und deren Ausläufer im Watt noch erkennen. Vorchristliche Priele schlängeln sich in unser Sichtfeld.

Auch sie sind Zeugnisse vergangener Zeiten, die schon vor langer Zeit vertorft sind und nun durch die Ebbe wieder freigelegt wurden. Vieles kann man heute bei uns im Museum „Leben am Meer“ in Esens entdecken, aber ich kann es kaum erwarten, wieder raus ins Watt zu gehen, auf der Suche nach den Ursprüngen unserer Küstenlandschaft.

 

Anke Kuczinski

Projektassistentin bei Regialog
Literaturwissenschaftlerin und Kunsthistorikerin,
Fachreferentin für Kulturtourismus und Kulturmarketing
Anke Kuczinski

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