Das Jahr 2018 hatte die Europäische Union ausgerufen zum Jahr des “Immateriellen Kulturerbes”. Fast jeder kennt Kulturerbestätten, aber die wenigsten Personen können mit dem Begriff des “Immateriellen Kulturerbes” etwas anfangen. Die Website des UNESCO selbst bricht es sehr schön in wenigen Sätzen herunter: Ob Tanz, Theater, Musik, Bräuche, Feste oder Handwerkskünste – Immaterielles Kulturerbe ist lebendig und wird von menschlichem Wissen und Können getragen. Es ist Ausdruck von Kreativität, vermittelt Kontinuität und Identität, prägt das gesellschaftliche Zusammenleben und leistet einen Beitrag zu nachhaltiger Entwicklung.

Sich darin einklinkend entwickelte der Emsländische Landschadt e.V. zusammen mit drei weiteren Projektpartnern (Emslandmuseum Lingen, K & C Drenthe, Provincie Drenthe) einen Antrag für das bislang größte Einzelprojekt der Landschaft. Neben den Eigenbeiträgen der Projektpartner konnten über die EDR sogenannte INTERREG-Mittel beantragt werden.

Unter dem Namen GRENZKULTUR soll das immaterielle Kulturerbe der Region in einer Vielfalt von Einzelprojekten erschlossen, dokumentiert und möglichst auf innovative Weise ins 21. Jahrhundert übertragen werden. So entwickelten sich nach einem Bottom-up-Prinzip mehr als 30 Projekte, die teils mit reinem Lokalbezug und teils mit grenzüberschreitendem Charakter und ebensolcher Zusammenarbeit dieses kulturelle Erbe abbilden wollen. Die Projektphase endet am 31.12.2019, während eine Wanderausstellung sowie eine Dokumentation neben der Abrechnung noch das ganze Jahr 2020 laufen wird. Beteiligt haben sich unterschiedlichste Einrichtungen, einige mit professioneller Ausrichtung, überwiegend aber waren und sind Ehrenamtliche eingebunden und gefordert. Museen, Heimatvereine, Geschichtswerkstätten oder unterschiedliche Interessengemeinschaften hatten Vorschläge eingereicht, von denen aus unterschiedlichen Gründen nicht alle umgesetzt werden konnten. Es gäbe viele interessante und erfolgreiche Projekte zu nennen, denn die Ideen und Ansätze waren äußerst verschieden. Exemplarisch sollen im weiteren Verlauf fünf Teilprojekte vorgestellt werden.

Die einzelnen Projektgruppen wurden nach einer Entwicklungsphase, die teilweise in einem Vorprojekt (“Grenzen, Traditionen, Identitäten) stattfand, nicht alleine gelassen. Eine für ein Jahr geschaffene Projektmanagementstelle erfragte regelmäßig Sachstände, leistete Presse- und Öffentlichkeitsarbeit oder auch Hilfestellung. Es galt, grenzüberschreitend zu koordinieren, zu übersetzen oder zeitweise auch inhaltlich einzugreifen. Außerdem oblag es dem Projektmanagement, sogenannte Ideenschmieden zu organisieren, die eine Doppelfunktion hatten. Der eine Part war jeweils die inhaltliche Arbeit zu Themen, die für die verschiedenen Projektgruppen auch nachhaltig von Belang sein können: Wie bereite ich Inhalte so auf, dass sie meine Zielgruppe(n) richtig ansprechen? Wie kann ich mit einfachen finanziellen Mitteln auf mich aufmerksam machen? Mindestens ebenso bedeutsam war der zweite Aspekt: das Netzwerken! So lernten sich nicht nur einzelne Personen, sondern auch ganze Vereine oder Geschichtswerkstätten näher kennen und konnten feststellen, dass sie oftmals an ähnlichen Themen arbeiten, ähnliche Probleme haben (Gelder beantragen, Ehrenamtliche bei der Stange halten, junge Leute gewinnen), aber sich auch gegenseitig unterstützen können mit erworbenem Fach- oder Hintergrundwissen.

 

Nun zu den Beispielen vom Kleinprojekt bis zu Mammutaufgabe:

1.

Viele Bräuche ziehen sich über ganze Landstriche oder gar über mehrere Länder hinweg und sind nicht einem einzelnen Ort zuzuschreiben. Eine Ausnahme im Projektgebiet bildet der Ort Schapen im südlichen Emsland, in dem es eine jahrhundertealte Tradition besteht, die “Kattenknüppeln” heißt. Das klingt erst einmal sehr befremdlich: Katzen mit einem Knüppel verdreschen? Keine Angst, es wird bei der jährlichen Veranstaltung, die an eine dörfliche Erzählung über einen Schinkenschmuggler und seine in einem Korb getragene wilde Katze erinnert, keiner echten Katze etwas angetan. Das Brauchtumsfest ist nämlich gerade dadurch interessant, weil es ein Beweis dafür ist, dass Traditionen dynamisch dem Wandel unterliegen. Beim Kattenknüppelfest wird heutzutage der Wettkampf um den Kattenknüppelkönig auf moderne Weise ausgetragen: Eine Stoffkatze sitzt in einem Kasten, auf den so lange mit Tennisbällen geworfen wird, bis sie heraus fällt (no animals were harmed…). Dem ganzen vorgelagert ist eine Art karnevalistischer Umzug, bei dem festgelegte maskierte Figuren, u.a. der Teufel höchstselbst oder ein Brautpaar, unter Musikbegleitung durch das Dorf schreiten und an den Häusern um Spenden für das anstehende Fest bitten.

Gefördert von GRENZKULTUR haben der Heimatverein Schapen und der Kattenknüppelverein Schapen gemeinsam die Traditionen rund um dieses Fest dokumentiert und zu einer Ausstellung im örtlichen Heimathaus zusammengestellt. Ein Film zeigt den Festumzug und als Extra entstand sogar ein Kattenknüppelgalgen, an dem Besuchergruppen im Vorgarten selbst einmal den Königswettkampf versuchen können.

2.

Laut Zielsetzung von INTERREG-Projekten soll ein Überwinden der Grenzen stattfinden. Wie könnte so etwas besser passieren als mit etwas so Universellem wie der Musik? Geschaffen wurde ein Musiktheaterstück namens DE GRUP (Die Grenze) unter dem Dach der Stichting Iemandsland. Der Pressetext liest sich so:
In DE GRUP Grup macht das Publikum in anderthalb Stunden eine musikalische Reise über die Grenze von den Niederlanden nach Deutschland. Vorfahren von Bert Hadders und Otto Groote wurden in der Nähe von Westerbork in der Provinz Drenthe geboren. Beide wuchsen ohne den „Goldenen Löffel“ im Mund auf. Der Großvater von Otto wanderte nach Deutschland aus, um der Armut zu entfliehen. Der Großvater von Bert blieb in den Niederlanden.
Als Otto und Bert zufällig auf einander trafen, stellte sich heraus, dass diese beiden Enkelsöhne beide etwas gemeinsam haben: Sie machen Musik und Lieder im eigenen Dialekt! Ein Dialekt, der viele Ähnlichkeiten kennt und die nationalen Grenzen überwindet.
Es erwartet den Besucher eine musikalische Vorstellung über Armut und Reichtum, das Bleiben oder Gehen, über Begegnungen, Spirituosen und harte Arbeit.

In DE GRUP fließen unter anderem Songs aus der Feder von Groote und Hadders, die sie selbst seit Jahren erfolgreich spielen, aber auch solche von anderen Musikern. Diese helfen, die Geschichten über das Leben hüben wie drüben zu erzählen. Als Conférencier tritt Tausendsassa (Autor/Schauspieler/Musiker) Erik Harteveld auf.

Auf niederländischer Seite und unter anderem im ostfriesischen Raum hat sich das Projekt bereits mit gut rezensierten Auftritten einen Namen gemacht. In der nächsten Zeit folgen vier Auftritte im deutschen GRENZKULTUR-Gebiet: Am 17. Oktober wird in der Alten Drostei Papenburg das erste Konzert im Emsland gespielt, am 24. Oktober im JAM in Meppen als Teil des Festivals Platt Satt! und am 8. November in der Alten Molkerei in Freren. Erst am 15. Februar 2020 kommt DE GRUP in die Grafschaft Bentheim (Alte Weberei, Nordhorn).

Es bestehen bereits erste Ideen der beteiligten Künstler, auch über GRENZKULTUR hinaus neben den eigenen vielfältigen Solo- und Bandengagements weiter eine ähnliche Zusammenarbeit zu pflegen.

Birgit Baumann

Projektmanagerin bei Emsländische Landschaft e.V.
Fachreferentin für Kulturtourismus und Kulturmarketing
Teilnehmerin REGIALOG VII
Birgit Baumann

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