Lichterspaziergang an den Grachten

Die Tage werden länger, die ganzen sozialen Einschränkungen nerven und man träumt sich mehr und mehr in die „Ferne“, wohlwissend, dass diese auch in den kommenden Wochen voraussichtlich nicht exotischer sein wird als der nächstgelegene Park, ein Waldstück oder die Erkundung eines neuen Supermarkts. An kleine tagestouristische Ausflüge mit Kulturgenuss ist gar nicht erst zu denken, geschweige denn an größere Reisen.
Die derzeitige Situation und die nicht absehbaren Folgen bringen es mit sich, dass auch der finanzielle Rahmen für Reisen bei vielen von uns erst einmal mau sein wird. Trotzdem möchte ich einen kleinen Hoffnungsschimmer in Form eines Blogbeitrags bringen und vom Amsterdam Light Festival berichten, das – hoffentlich – planmäßig vom 26. November 2020 bis zum 17. Januar 2021 in seine neunte Runde gehen kann. In diesem Durchgang ist das umzusetzende Motto: „When Nature Calls“. Der Aufruf an Künstler für Vorschläge ist bereits eine Weile vorüber, das Kuratorium hat im März entschieden, welche der Werke in die Umsetzung gehen.

Entstehungsgeschichte

Monsie van Diemen von der Stichting Amsterdam Light Festival hat mir per Mail einige meiner Fragen zur Veranstaltung beantwortet, die sich aus der Webpage nicht direkt ersehen ließen. Sie schrieb mir, dass die Festivalidee bereits 2009 von Vincent Horbach und Henk Jan Buchel angestoßen wurde, um der Stadt auch in den dunklen Wintermonaten eine atmosphärische Ausstrahlung zu geben. 2008 hatte Vincent Horbach in Florida das zweiwöchige große Winterfest in Fort Lauderdale (Florida) erlebt. Eine ähnliche Veranstaltung zugeschnitten auf die kühlen Wintermonate in Amsterdam konnte er sich gut vorstellen. Dafür nahm er Kontakt mit verschiedenen Institutionen auf, um zu eruieren, wie das umgesetzt werden könnte, zumal sonstige Veranstaltungen dieser Größenordnung hauptsächlich in den Sommermonaten stattfinden. Mitte 2009 entstand so die Stichting Christmas Canal Parade. Bei den weiteren Planungen hat man 2010 Felix Guttmann mit einbezogen, der zur ehemaligen Canal Company (nun Stromma) angehörte. Gemeinsam agierten Vincent Horbach, Henk Jan Buchel und Felix Guttmann dann als die Gründerväter des Amsterdam Light Festival.

Festivalbesuch

Vom Light Festival hatte ich bereits im Internet gelesen und vom Festival Nr. 6 (Thema „Existential“) habe ich einzelne Werke sehen können, da ich eine knappe Woche vor dem Beginn in der Stadt war und so Aufbauarbeiten und Lichttests miterleben konnte. Das Gesamterlebnis fehlte.
Erst in den vergangen beiden Jahren habe ich das Festival jeweils mehrere Abende lang besucht. Die beiden Oberthemen lauteten „DISRUPT!“ (Nr. 8) und „The Medium is the Message“ (Nr. 7), die Themen werden sehr frei interpretiert, oft auf überraschende Weise. Genähert habe ich mich den Objekten, die zwischen 17 und 23 Uhr leuchten, dabei auf zweierlei Weise: Zu Wasser geht das sehr gut mit einer der vielen angebotenen Bootstouren (z.B. über LOVERS), bei denen man über Kopfhörer nicht nur einen Teil der allgemeinen Informationen über Amsterdam erhält, die zu den sonstigen Fahrten bei Tag gehören, sondern auch Erläuterungen zu den Lichtkunstwerken erhält. Die touristischen Boote in Amsterdam sind verpflichtend mit Elektromotoren ausgestattet und damit fast lautlos im Schritttempo unterwegs. Zu den abendlichen Stoßzeiten scheinen sie im Minutentakt an den Installationen vorbei zu schleichen. Ein Anhalten der Boote an einem Objekt ist nicht möglich, die Zeit drängt schließlich und es soll zu keinem Stau auf den Wasserstraßen kommen. Die Bootstouren sind, gemessen an ihrer Dauer, recht teuer, waren für mich durchaus ihr Geld wert. Der Blick auf die Lichtobjekte vom Wasser aus ist bei vielen Installationen nämlich ein völlig anderer als vom Ufer her. Gerade wenn ein Objekt über der Gracht selbst installiert ist, gibt es ganz spezielle Eindrücke, darunter lang zu fahren.

Methode zwei ist der ausgiebige Spaziergang entlang der jeweils gut ausgeschilderten Routen. Bei jedem Kunstwerk gibt es Erklärungstafeln in Englisch und Niederländisch sowie eine erklärende Audiodatei, die über die Website abgerufen werden kann, außerdem lohnt es sich, für kleines Geld den Übersichtsplan mit den Beschreibungen zu kaufen. Den gibt es z.B. im Tourismusbüro gegenüber dem Hauptbahnhof (Centraal Station), wo man noch dazu einen für Touristen nützlichen Stadtplan mit allen Haltestellen erwerben kann. Beides zusammen verbessert die Orientierung und ein gezieltes Anfahren und -laufen von Werken wird vereinfacht.
Für mich habe ich es in beiden Jahren so geplant, dass eine Bootstour mir am frühen Abend eine erste schöne Übersicht lieferte. Dabei bildeten sich Favoriten heraus. Ich nahm mir in beiden Jahren die Zeit, einen kompletten Spaziergang entlang der Strecke zu machen und auch noch einmal eine Extratour zu den Objekten einzulegen, die es mir besonders angetan hatten. Hierbei merkte ich auch deutlich, wie unterschiedlich die Lichtinstallationen und ihr Umfeld wirken können, wenn man sie von unterschiedlichen Richtungen aus betrachtet.

Routen

Natürlich wäre es einfacher und kostengünstiger, in jedem Jahr auf eine gleichbleibende Route zurückzugreifen. Wiederkehrende Besucher wüssten, wo es langgeht und Touren zu Lande und zu Wasser wären einfacher zu organisieren.
Bewusst gab es in der Vergangenheit nicht nur Verlängerungen ursprünglicher Routen, sondern auch komplette Verlagerungen in andere Regionen des Stadtkerns. Das geschah zum einen, um die Anwohnenden von Lärm und Besucheransturm zu entlasten, zum anderen, um den Festivalgästen verschiedene Ecken des Grachtengürtels (UNESCO-Weltkulturerbe) zu präsentieren. Auf diese Weise werden auch unterschiedliche bedeutende Gebäude wie das imposante Scheepvaartmuseum immer wieder Teil der Installationen und entlang der wechselnden Route kann die Gastronomie von einkehrenden Spaziergägnern profitieren. Nicht zuletzt kann der Besucher auf der Strecke viel Unbekanntes entdecken. Für zuletzt rund sechs Kilometer Spazierstrecke sollte man sich auch ohne Kneipenzwischenstopp gut 2,5 Stunden Zeit nehmen und auch die Punkte mit wahrnehmen, die einem abseits der Kunstwerke ans Herz gelegt werden.

Highlights

Nachdem nun bereits viel über das Festival und sein Drumherum geschrieben wurde, möchte ich einige Installationen der vergangenen beiden Jahre vorstellen, um einen Eindruck von dem zu vermitteln, was das Festival ausmacht: Es ist eine bunte Mischung aus amüsanten, zeitkritischen oder historisch motivierten Lichtbildern und Lichtshows. Alles eingebettet in die Gegebenheiten einer Grachtenstadt mit all ihren Besonderheiten.
Das vergangene Festival bezog u.a. den berühmten Amsterdamer Zoo ARTIS mit ein, auf dessen Wasserseiten mehrere Objekte zu genauerem Hinschauen einluden. Wie auch in den Vorjahren gab es wieder ein Projekt, an dem Schüler beteiligt waren. In diesem Fall erlernten sie die Programmierung von Abläufen und legten Hand an bei De Nachtloerrrders (Die nächtlich Lauerrrnden). Von der ARTIS-Seite des Entrepotdok aus blinkten dem Betrachter Augenpaare entgegen, die einen zu beobachten schienen. Wie Tiere, die nur auf den richtigen Moment warteten, zum Sprung übers Wasser auf die Beute anzusetzen. In verschiedenen Höhen, Farben und mit unterschiedlicher Leuchtdauer riefen die Augen bei den Besuchern Reaktionen von Belustigung bis Irritation hervor. Über die Wochen des Festivals hinweg und durch die unterschiedliche Programmierung sollten De Nachtloerrrders immer wieder anders aussehen mit neuen und komplett wegfallenden Lichtern. Hier war die Verweildauer der Besucher hoch und bei jedem weiteren Besuch gab es unerwartet andere Augenpaare.

Nachtloerders
Nachtloerders am Zoo ARTIS

Der Zoo ARTIS im Plantage-Viertel spielte in der Nazizeit eine besondere Rolle, da er nicht nur beliebtes Sonntagsflaniergebiet für die Besatzer war, sondern vor allem auch eines: das Versteck von Untergetauchten! Darauf wies Hiding in the Wolf’s Lair (Versteckt in der Wolfsschanze) in beklemmender Form hin.

Hiding in the Wolfs Lair
Lichtinstallation

Surface Tension (Oberflächenspannung) ließ sich in seiner Gesamtheit besser vom Land als vom Wasser aus betrachten. Versinkende Autos und Straßenschilder, die Überbleibsel einer verheerenden Flut und ein gestiegener Wasserpegel. Atlantis griff einen ähnlichen Gedanken auf und zeigte im Wasser versinkende Hochhäuser. Bei Neighborhood hing weiß leuchtende Wäsche an langen Leinen einträchtig beieinander. Die Kleidungsstücke entstammen in ihren Schnitten verschiedenen Kulturen. Alles stand für ein friedliches Zusammenleben. Augenzwinkernd war auch ein Fußballtrikot dabei. Es trug die Rückennummer 14, der Zahl, die auf den Fußballnationalhelden Johan Cruyff verweist.

Das Kunstwerk mit dem größten „Oh, wie hübsch!“-Effekt bei den Vorbeilaufenden war Butterfly Effect, während dem philosophischen Schriftzug mit dem Titel All the light you see weniger Beachtung geschenkt wurde, bei dem aus der Aussage „All the light you see is from the past“ Wörter herausfallen und „All you see is past“ stehen blieb.

Deutlicher Publikumsandrang beim Festival 2018/2019 herrschte bei der leuchtenden Umsetzung von Van Goghs Starry Night. Kein Wunder, besuchten doch viele Touristen auch das Van Gogh Museum, das keine 15 Fußminuten entfernt liegt und die Installation nur wenige Schritte von einer wichtigen Verbindungsstraße zwischen dem Museumplein und der Innenstadt abwich. Gerade über Städten wie Amsterdam, in denen die starke Lichtverschmutzung das Betrachten eines Sternenhimmels unmöglich macht, hat der gemalte Sternenhimmel Van Goghs in leuchtender Form eine besondere Bedeutung. Die Installation von Ivana Jelić & Pavle Petrović war eines der Objekte, bei denen sich eine längere oder mehrmalige intensive Betrachtung lohnte.

Mir gefiel, wie zwischen Resttageslicht und kompletter Nacht die Wirkung eine andere wurde, auch wenn es natürlich in einer eng besiedelten Stadt niemals ganz dunkel wird. Bezog man in den Blick die umliegenden Häuser mit ein, so ergab der Wechsel der beleuchteten Fenster ebenso ein sich veränderndes Bild wie die Lichtkegel der auf der Brücke hinter dem Objekt fahrenden Fahrräder oder Autos.
Kaum jemand unter 50 wird in Deutschland ohne Peter Lustigs Sendung Löwenzahn aufgewachsen sein oder in seiner Kindheit nicht die Schirmchen der Pusteblume in die Luft gewirbelt haben. An letzteres Vergnügen aus Kindertagen erinnerten die großen leuchtenden Löwenzahnschirmchen, die bei Light A Wish schwerelos über dem Wasser zu schweben schienen.

Konsum- und Sozialkritisches fehlte ebenfalls nicht, wenn z.B. Code den Betrachter auf Bitcoinprojekte aufmerksam macht, direkt vor einem alteingesessenen Bankhaus in edelster Lage. Nicht alle Besucher mochten einen längeren Blick auf Spider On The Bridge werfen. Es bestand aus einer einer riesengroßen Spinne, die wiederum aus vielen kleinen leuchtenden Spinnen bestand, die in ihr krabbelten. Neben zwei großen Designerbürolampen lockten mich noch die Ampelmännchen von Strangers In The Light dazu, das Werk von beiden Seiten eines Wasserlaufs bzw. einer Brücke aus zu betrachten. Die Figuren einer Fußgängerampel arbeiten immer zu unterschiedlichen Zeiten und können sich nie sehen. Hier standen sie sich beide erleuchtet zu beiden Seiten eine Brücke über eine Gracht gegenüber – leuchtend vereint und doch voneinander getrennt.


Es ließe sich noch mehr berichten, vor allem auch von dem Reiz, den ein Stadtspaziergang am frühen Winterabend ausmachen kann, aber ich möchte es hierbei belassen und meine Fotos sprechen lassen.

Ausblick

Es ist zu erwarten, dass die Saison 2020/2021 nicht nach dem gleichen Muster verlaufen kann wie die vorangegangenen. An Rundfahrten mit dem Touristenboot, in denen Leute in Sechsergruppen dicht gedrängt an einem Tisch zusammensitzen, mag ich vorerst nicht glauben. Was aber problemlos möglich sein sollte, sind die Touren zu Fuß entlang der Route. Da verläuft es sich auf der Strecke ein wenig und einzige kritische Punkte wären eventuell die besonders beliebten Objekte. Ich peile jedenfalls an, in den ersten Tagen von 2021 „When Nature Calls“ zu erleben.


Nachtrag

Die Coronakrise hat dafür gesorgt, dass kürzlich ein Lichtschriftzug aus dem vierten Festival wieder installiert wurde: „Today I Love You“ ist vor einer Amsterdamer Klinik zu sehen und soll international als Dank für und Hochachtung vor diejenigen dienen, die in dieser Zeit weltweit an vorderster Front die an COVID-19 Erkrankten versorgen. Das ist eine schöne künstlerische Geste und ein Zeichen dafür, dass die Werke nicht nur für die Dauer einer Festivalsaison gemacht sein müssen.

Birgit Baumann

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