Mein Name ist Bodo Wolff und ich bin Leiter einer privaten gemeinnützigen Musikschule, der Musik Akademie, in Bad Bentheim, Schüttorf und Greven. Außerdem bin ich freiberuflich tätig als Workshop-Dozent, Musiker, Moderator und Kulturmanager. 

Was ist für mich, als jemandem, der im Bereich Kultur tätig ist, besonders gewesen in der Corona-Zeit?

Begeisterung

Ich bin begeistert! Begeistert von der Art und Weise, wie wir als gemeinnützige Kultureinrichtung diese besondere Krise gemeistert haben. Wir hätten sehr schnell in die Insolvenz geraten können. Aber mit allen Mitarbeitern zusammen haben wir es dadurch, dass wir so schnell auf die neue Situation reagiert haben geschafft, nicht unter zu gehen. Bis jetzt. Mal sehen wie es weitergeht. Vieles ist vom weiteren Verlauf in den nächsten Monaten abhängig.

Die Krise hat viele Qualitäten unserer Einrichtung verstärkt, das Team insgesamt zusammengeschweißt und dafür gesorgt, dass auch ich den ein oder anderen Mitarbeiter in einem anderen Licht sehen konnte. Ich bin wirklich stolz auf das Team der Musik Akademie. 

Gemeinsamer Videogruß mit Dozenten, Schülern, Ehemaligen und Mitarbeitern der Musik Akademie: „With a little help from my friends“ (Beatles)

In der Zeit in der wir auf die neue Situation reagieren mussten, war es nötig, dass so viele neue Wege ausprobiert werden. Das hat viel von uns allen gefordert, aber ich bin begeistert von den Möglichkeiten die sich aufgetan haben. Endlich wird das, was ja technisch schon eine Weile zur Verfügung steht, auch genutzt! Ja, es war auch endlich mal die Zeit und die Notwendigkeit da um Abläufe umzustellen und sich in Neues einzuarbeiten. Diese Neuerungen und Veränderungen habe ich genossen! 

Zoom-Team-Konferenzen, Erstellung von Tutorials, Lesungen mit Musik als YouTube-Mutmacher (Playlist), Video und Aufnahme von einem Musikvideo-Gruß von unseren Lehrern, Kauf einer eigenen Musikschul-App, Erweiterung der Website, online Anmeldung und noch mehr.
Von diesen Neuerungen werden einige überbleiben. Das zeigt sich schon jetzt.

Screenshot Tutorials
Screenshot Tutorials im Nutzerbereich (Website Musik Akademie Obergrafschaft)

Begeistert bin ich auch von unseren Kunden: Da haben wir viel Rückhalt erfahren! In der Krise zahlt es sich nun aus, dass wir schon immer eng im Kontakt mit unseren Schülerinnen, Schülern und Eltern waren. Begeistert bin ich auch von der Unterstützung durch lokale Unternehmen, die Kommunen und die Kooperationspartner vor Ort. Es hat sich gezeigt sich, dass die lokalen Partner doch die stärksten sind. Hier wird unkompliziert geholfen. Auch finanziell. Weil man sich kennt, weil man gegenseitig voneinander profitiert, weil man durch die Nähe sehen kann, was bei dem anderen los ist. Das war eine tolle, stärkende Erfahrung und führt auch hoffentlich langfristiger zu einer Besinnung auf diese nahen starken Netzwerke.


Enttäuschung:

Ich bin so dermaßen enttäuscht und verletzt vom Umgang von der Politik mit Kultureinrichtungen, mit Soloselbständigen. Warum? Nur in Kürze:

  • Die Corona Soforthilfen für Soloselbständige sind, weil sie nur für die Abdeckung der Betriebskosten gedacht sind, für uns Musiker und Musikpädagogen nutzlos. 
  • Die Abwicklung der Corona Soforthilfen über das Ministerium und die N-Bank in Niedersachsen war ein Desaster. Das es anders geht zeigt NRW. 
  • Der vereinfachte Zugang zur Grundsicherung ist, obwohl Staatsministerin Monika Grütters und andere Politiker es sagen, nicht einfach nur ein emotional schwieriger Weg für Menschen. Er ist eher ein weiteres Desaster, weil Arbeitsämter sich quer stellen, der Antrag sechzig Seiten hat und dann doch Vermögen oder Einkommen angerechnet werden. Das ist nicht „vereinfacht“ und auch keine „Hilfe“. Vor allem wenn man es mit den Hilfen für andere Beschäftigungszweige vergleicht. 
  • In vielen Bundesländern wurde von den Landesregierungen oder sogar Städten reagiert und es wurden eigene Programme für Künstler und andere Solo-Selbständige aufgesetzt. In Niedersachsen bis jetzt, fünf Monate nach Beginn der Sache: Fehlanzeige.
  • Dann die Soforthilfen für Kultureinrichtung und Vereine. Wir haben probiert, sie zu beantragen, und auch hier sind die Förderkriterien so verrückt, dass wir rechnerisch nur Einnahmen haben. Wir schwimmen praktisch im Geld und fahren alle Porsche. Das Gegenteil ist natürlich der Fall. Knapp an der Insolvenz vorbei. Jahrelang aufgebaute Reserven aufgebraucht. Zukunftsprognose eher wackelig. Resilienz gegen eine weitere Krise rapide gesunken. Nicht zu reden von den entgangenen Einnahmen und dem langfristigen Schaden durch ausgefallene Nachwuchsarbeit. Und im Interview behauptet Minister Björn Thümler doch glatt, dass mit den oben genannten Hilfen „Einnahmeausfälle erstattet werden“. Das ist leider falsch. Falsch bis ins letzte Detail. (Für den Nachweis: Falls das Originalvideo auf Facebook nicht mehr verfügbar ist: Ich habe das Interview abgefilmt.) 

Das Ganze macht mich so unfassbar wütend.
Es fällt mir nach der langen Zeit und den Enttäuschungen, die ich mit diesem Thema nun erlebt habe, mittlerweile schwer, differenziert zu bleiben. Ich habe den Eindruck, dass diejenigen, die die Kriterien machen, entweder keine Ahnung haben, wie wir als Kultureinrichtung/Musikschule funktionieren, oder es ist nur politisches Marketing und einfach nicht vorgesehen, dass das Geld da ankommt, wo es benötigt wird. 

Die Verteilung ist grob unfair und fördert zudem falsche Mechanismen. Geld kommt immer wieder an denselben Stellen an. Andere passen immer in die Kriterien, wir nie. Und oft sind es leider sowieso schon defizitäre Betriebe bei denen immer wieder Geld ankommt, anstatt gute Ideen, gute Modelle zu unterstützen, die das Geld wirklich gebrauchen könnten: Um besser zu werden und nicht ständig am Rande des Wahnsinns probieren zu müssen, die Aufgaben von öffentlichen Einrichtungen zu übernehmen. 

Wenn man dann Politiker sieht, die sich in der Öffentlichkeit hinstellen und schreiben/sagen: „Wir lassen unsere Kulturschaffenden und Solo-Selbständigen nicht im Stich.“ ist das leider nicht mehr ernst zu nehmen. Ich kann mittlerweile verstehen, dass Menschen, denen es wirklich schlecht geht und sich so von der Politik behandelt fühlen eine bescheuerte Partei mit einem rot-blauen Logo wählen, Fensterscheiben von Handy-Läden einschmeißen, Politiker beleidigen oder einfach nichts mit der ganzen Sache zu tun haben wollen. Das heißt nicht, dass ich das tun würde oder es gutheiße. Im Gegenteil: Ich bemühe mich um Respekt und will die geleistete Arbeit durchaus wertschätzen. Aber emotional kann ich es nach dieser Erfahrung schon nachvollziehen. 

Meine Haltung und Gefühl wird sich wieder ändern mit der Zeit. Na klar. Weil ich natürlich nicht aufgebe und es auch noch etwas zu tun und zu erledigen gibt. Es gilt nämlich ein Unternehmen zu führen, für meine Mitarbeiter zu arbeiten und die Zukunft zu sichern. 

Aber die Enttäuschung sitzt tief. Und ja, ich will auch nicht nur meckern. Ich habe viele Gespräche geführt, mich beteiligt, erklärt, Vorschläge gemacht. Auch das Schreiben dieses Textes in meinem Urlaub ist ja letztendlich ein Versuch zu erklären, was bei uns los ist. Jedoch habe ich im Moment nur noch wenig Hoffnung. Insgesamt bleibt bei mir einfach der Eindruck über, dass Hilfe für Kultur und für Selbständige nicht wirklich vorgesehen ist. 

Was mache ich mit meinen Kindern, mit Jugendlichen, mit jungen Erwachsenen, die mit mir über Berufswahl sprechen? Ich kann niemandem mehr, empfehlen in den Kulturbereich zu gehen. Macht was Anderes. Werdet Lehrer, arbeitet in einem Ministerium, vielleicht schafft ihr es in die Werbeagentur, die die Kampagnen für ein Ministerium macht. Die Chance jedoch, dass man gerade in der tollen Werbeagentur, die die wirklich schönen Websites und Kampagnen für Corona-Warn-App oder das Programm „Neustart Kultur“ machen darf, ist einfach zu gering. Also macht besser was Sicheres: BWL, IT, Bank, Versicherungsbranche. Macht Kultur, wenn ihr jung seid, als Hobby. Das ist gut für euch. Absolut. Nutzt es als Ausgleich und Selbstoptimierung. Sobald es um etwas Berufliches geht: Denkt bloß nicht darüber nach! Später, wenn ihr 50 seid und wieder Zeit da ist: Sucht euch ein nettes kulturelles Hobby. 

Der Weg wird leider so weitergehen, wie es sich andeutet. Immer weniger werden Musik studieren. Eine Verlagerung in den Hobby-Bereich wird stattfinden. Einige wenige werden den Markt bedienen. Amateure übernehmen die „Ausbildung“. Das ist traurig für die Qualität, die Kultur, das Land. 

Und insgesamt führt das, was ich gerade am eigenen Leib erfahren habe, zu Spaltung. Das ist besorgniserregend. 


Arbeitsalltag

Mein Arbeitsalltag hat sich vor allem in der Lockdown-Phase unfassbar verändert. Ich war es nicht gewohnt meinen Arbeitstag an nur einem Ort mit nur einer Berufsrolle zu verbringen. In der Zeit vor Corona war mein Tag geprägt von vielen Terminen, Gesprächen, an vielen verschieden Orten, in den verschiedensten Settings und Rollen / Hierarchien. Dazu Aufritte in immer wechselnden Umgebungen, mit immer anderen Mitmusikern, egal ob abens oder am Wochenende. Workshops leiten zu immer neuen Themen mit stets anderen Teilnehmern und Organisationen. 

Durch den Lockdown blieb nur die Arbeit für die Musikschule übrig. Die Erfahrung, einfach nur im Büro zu sitzen und relativ störungsfrei das, was auf dem Tisch liegt, abarbeiten zu können, war für mich etwas total Ungewohntes aber Tolles. 

Ich konnte (das musste ich ja auch) endlich mal in Ruhe Neues entwickeln: Selten in meinem Leben hatte ich so sehr das Gefühl, etwas geschafft zu haben.

Coronaprojekt: Abschiedsvideo der vierten Klassen 2020 aus der Grundschule auf dem Süsteresch (Schüttorf)

Psyche

Ich selbst hatte vom Kopf her keine Schwierigkeiten mit dem Lockdown. No need for Verschwörungstheorien. Natürlich war mein Gefühlsleben immer wieder stark geprägt von Existenzängsten, finanziellen Sorgen und Ärger über die politische Situation. Der Lockdown war für mich jedoch eher eine angenehme Reizreduktion. Wie eine Befreiung von sozialem, mentalem und terminlichem Ballast. Ich habe kein Auto benutzt und bin an meinen langen Arbeitstagen immer zur Arbeit gelaufen. Auf dem Weg habe ich stets Musik gehört. Das wurde zufälligerweise begleitet von der Neuerscheinung von Fynn Kliemanns neuem Album „Pop“. Single für Single habe ich gehört, bis schließlich das ganze Album rauskam. Das Entdecken dieser Lieder, laufend zur Arbeit, in Kombination mit der ungewohnten Gesamtsituation hat mich innerlich enorm bewegt und mir geholfen, alles zu verarbeiten. Ich habe die einzelnen Songs und das Album rauf und runter gehört. Vieles passte perfekt zu dem, was ich erlebte. 

Das war Trost, Reflexion, Rück- und Vorausschau, Genuss, Motivation, Emotion. Halt einfach das, was Kultur, was Musik sein kann: eine heilsame Erfahrung.

Mehrteiliges Projekt von Bodo Wolff und dem Bad Bentheimer Bürgermeister Dr. Volker Pannen. Sowohl Kinderbuchtexte als auch diese bekannte Geschichte von Siegfried Lenz wurden mit Musik verbunden

P.S.: Der Beitragsstitel stammt aus dem Song „Alles was ich hab“ vom im Text angesprochenen Fynn Kliemann.


Der Beitrag ist Teil der gemeinsamen Blogparade #KulturAlltagCorona von Kultur hoch N und Zeilenabstand.net.

Bodo Wolff
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2 thoughts on “„Ich tausch’n bisschen Mut gegen tolle Aussicht“”

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