In kaum einer anderen Region Deutschlands kann man in so großem Ausmaße Industriekultur auf engstem Raum erleben, wie im Ruhrgebiet. Dass sich so eine Besonderheit ausgezeichnet vermarkten lässt und zwar indem kleine und große Stätten industriegeschichtlicher Relevanz gemeinsam auf den Plan treten, zeigt die „Nacht der Industriekultur“. Hier sind Besucher von nah und fern eingeladen, eine ExtraSchicht einzulegen und sich beeindruckende Sehenswürdigkeiten und faszinierende Sensationen einzusacken.

Hinter diesem Event steht die Ruhr Tourismus GmbH, eine Tochtergesellschaft des Regionalverbandes Ruhr, eine Behörde, die Städte und Kreise der Metropole Ruhr zusammenfasst und sich um Regionalplanungen kümmert. Eine gesetzliche Aufgabe des Regionalverbands Ruhr ist es, den Tourismus zu fördern und zu vermarkten.

AUS ARBEIT WIRD KULTUR

P11100272001 hat die ExtraSchicht erstmalig stattgefunden. Die „Nacht der Industriekultur“ will den Strukturwandel des Ruhrgebiets erlebbar machen. Auf der Internetseite der ExtraSchicht heißt es „Ziel der ExtraSchicht ist es seit ihren Anfängen, Interesse für die rund 400 Kilometer lange Route zu wecken und die baulichen und technischen Denkmäler der Industriegeschichte, Museen und Orte des Wandels mit künstlerischen Inszenierungen zu bespielen.“ Ehemalige Orte von Arbeit, Schweiß und Dreck werden heute zu lebendigen, attraktiven und vor allem bunten Kulturstätten inszeniert. Montanindustrie und Bergbau haben Wahrzeichen hinterlassen, die durch Umnutzung bestehen bleiben (können) und dem Charakter der Region ein Gesicht geben. Auf den einstigen Halden und in riesigen Hallen, auf Zechengeländen und in historischen Gebäuden leben und arbeiten heute Kreative, haben sich junge Unternehmen nieder gelassen. Sie machen lebendig, was nach dem Untergang vieler Flagschiffe Industrieregion stillstand.

BUNTE INDUSTRIEKULTUR

Einst Zentrum industrieller Produktion, bilden heute Dienstleistung und Handel die Säulen der Wirtschaft. Der Strukturwandel ist im „Pott“ täglich spürbar und wesentlicher Charakterzug der Region an der Ruhr. Die Arbeiter-Mentalität sitzt tief und das Erbe der Industrie ist für viele Grund, stolz auf ihrer Heimat zu sein. Dass heute das Leben von anderen Dingen geprägt ist, hält niemanden davon ab, die Vergangenheit zu erinnern und z.B. bei der ExtraSchicht zu feiern – nur eben bunter als die Kumpel und Stahlkocher sich es je hätten vorstellen können.

SPIELORTE UND VERANSTALTUNGEN

20140628_230117Bei 500 Veranstaltungen an 50 Spielorten in 20 Städten können die Besucher der Nacht der Industriekultur Geschichte erleben, Kunst genießen und Orte entdecken, die sonst für die Öffentlichkeit nicht zugänglich sind. Ob Theater, Live-Musik, Lesung, Brauereibesichtigung, Museumsführung, Mitmach-Aktionen oder Feuerwerk – es ist für jeden etwas dabei. Die Spielstätten fahren ein aufwändiges Programm auf und bieten den Besuchern Außergewöhnliches in besonderer Atmosphäre.

DER WEG IST DAS ZIEL

Wesentliches konzeptionelles Moment der ExtraSchicht ist die Mobilität, um Städte und Spielorte zu verbinden. Die Besucher können mit ihrem ExtraSchicht-Ticket Züge des Nahverkehrs im gesamten Verkehrsverbund RheinRuhr und die 160 Busse der 19 Sonderlinen nutzen. Ein Angebot, das auf breite Zustimmung beim Publikum stößt. Denn die Fahrten in den zum Teil sehr überfüllten Bussen entwickeln sich unter Umständen zu einem Erlebnis mit Eventcharakter.

ORGANISATION

Ein Ticket kostet im Vorverkauf 17 Euro, ermäßigt 14 Euro.Das Einzelticket an der Tageskasse ist für 20 Euro zu erwerben. Inbegriffen ist die Nutzung des Nahverkehrs und der Shuttlebusse sowie Eintritte in Museen und Veranstaltungs- und Spielorte.

Schon im Vorfeld stehen den Besuchern verschiedene Informationsquellen zur Verfügung, die bei der Wahl der Spielorte und Veranstaltungen sowie der konkreten Planung des Abends hilfreich und sinnvoll sind. Die Internetseite bietet eine Übersicht aller Spielorte: in ihrer Gänze, nach Themen oder Areal sortiert. Selbiges bietet die App für das Smartphone, welche kostenfrei heruntergeladen werden kann. Bei den 500 Veranstaltungen, die zur Auswahl stehen, sollte man auf ein Feature nicht verzichten: den Merkzettel. Sowohl auf der Internetseite als auch in der App hilft diese Funktion, den Überblick zu behalten und sich die persönlichen Favoriten zusammenzustellen. Die Beschränkung auf drei bis vier Veranstaltungen fällt natürlich trotzdem schwer. Das Programmheft im handlichen Format ist für den Veranstaltungsabend ein hilfreicher Begleiter: In erster Linie wegen des heraustrennbaren Übersichtplans, der sämtliche DB- und Bus-Verbindungen mit Fahrtdauer angibt.

Da das Gebiet sehr groß ist, wird es in vier Areale eingeteilt. Empfehlenswert ist die Beschränkung auf eines der Areale; wollte man alle abklappern, würde man Bus oder Bahn vermutlich nicht verlassen. Aber selbst das wäre nicht dramatisch, da auch einige der Shuttlebusse mit Musik, Poetry Slam oder Comedy bespielt werden. Ganz im Sinne von „der Weg ist das Ziel“ Ist es auch so möglich einen ereignisreichen Abend zu verbringen – vorausgesetzt man bekommt einen Sitzplatz oder ist standhaft.

HIGHLIGHTS 2015

Ein Paradebeispiel der erfolgreichen Umnutzung von Industriebrachen ist der Landschaftspark Duisburg-Nord, der letztes Jahr sein 20jähriges Bestehen feierte. Bis 1985 qualmten hier die Hochöfen, heute locken attraktive Freizeitangebote wie ein Klettergarten, ein Hochseilparcours und ein Tauchsportzentrum auf das Gelände.

IMG-20140630-WA0026Die ExtraSchicht liefert parallel zum viel besprochenen Kulturtourismus im ländlichen Raum ein Beispiel für die erfolgreiche Gestaltung eines Programmes im städtischen Gebiet. Trotz kühler Temperaturen feierten am 20. Juni 2015 225.000 Besucher den 15. Geburtstag der Nacht der Industriekultur. Das Event bot Besuchern und Akteuren ein Highlight im Veranstaltungsjahr. Neben dem besonders attraktiven Jubiläumsprogramm wurde in diesem Jahr ein thematischer Schwerpunkt auf den fünften Jahrestag der Kulturhauptstadt gelegt. Außerdem konnte sich die junge Szene Ruhr erneut präsentieren.

Alle interessierten Kultur-Freunde sollten sich den 25. Juni 2016 vormerken und den Newsletter abbonieren, um keine Neuigkeiten zu verpassen. Und wer so lange nicht warten möchte, dem empfiehlt sich ein Besuch der zahlreichen großen und kleinen Orte der Industriekultur auch außerhalb der ExtraSchicht.

Und für die nächsten Jahre kann man sich merken: Ab sofort findet die ExtraSchicht jeweils am letzten Wochenende im Juni statt.

Mehr Informationen zur „ExtraSchicht – Die Nacht der Industriekultur“ finden Sie hier.

 

 

Beitragsbilder:

Titelbild: „Industrial Moon“ von damn_unique. Artikelbilder: Privataufnahmen der Autorin Maike Lammers.

 

Maike Lammers

Museumsarbeit
Projektmanagement
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Mode- und Kleidungsforschung

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