Messegelände Köln, verregneter Novembermorgen, Donnerstag 10 Uhr. Ortstermin „Exponatec 2015“. Große, aber dennoch seltsam unscheinbare Plakatbanner weisen den Weg vom Bahnhof Deutz die breiten Betonstufen hinauf zum pompösen Eingangsportal von Entrance South. In der Tat gehen die Plakate neben dem Neonschriftzug „Koelnmesse“ ein wenig unter. Europas größte Fachmesse für Museen, Ausstellungstechnik, Konservierung und Kulturerbe duckt sich ein bisschen weg. Auch wenn die eigentliche Intention wahrscheinlich war Seriosität zu vermitteln. Dies ist keine Messe für jedermann, sagen diese Plakate, sondern ein exquisites Get-Together einer Branche, die viele spleenige Typen beherbergt. Hierher sollen sich keine Leute verirren, die nicht dazu gehören. Wer sich nicht auskennt mit Museen, der wird hier ohnehin nur durch einen Fragezeichenwald laufen, rufen sie. Sehr freimaurerlogenmäßig. „Nicht besonders sympathisch“, denke ich so vor mich hin. Der gute alte Musentempel – dabei wird doch in allen Fachblättern und auf allen Tagungen derzeit der Geist der Öffnung der Museen für Alle beschworen. Apropos: da kommen die drei Regialog-Kolleginnen, Schluss mit Sinnieren und Vorurteilen, Fachvertretermiene aufsetzen und los.

Titelblatt des Exponatec Programmheftes
Titelblatt des Exponatec Programmheftes

Nächster Eindruck: Die rauchenden Anzugträger vor der Tür sehen aus wie Messevertreter überall auf der Welt aussehen: müde, spöttisch, leicht genervt. Mein bisherige Messeerfahrung: zwei Mal Leipziger Buchmesse als Aussteller. Ich kann die Männer verstehen. Aber der „ach ja, wieder eine Messe, wie jede andere“-Eindruck verfliegt sofort, nachdem wir die Jacken abgegeben haben und die Halle 3.2 betreten. Er wird abgelöst vom Eindruck: Familientreffen. Die Stimmung ist entspannt, alle scheinen sich zu kennen, man schlendert, lacht. Und wir vier wirken nicht verirrt. Im Gegenteil, es sind viele junge Menschen unterwegs, die meisten leger gekleidet. Sie räkeln sich auf Sperrholzmöbeln in Chill-Out-Lounges, die bunten Fjällräven Rucksäcke auf den Knien, Club Mate schlürfend. Soso, die Museumsbranche, doch nichts mehr mit Musentempel – wir fühlen uns sofort heimisch.

Die Exponatec findet alle zwei Jahre statt, immer in Köln, immer im November, 2015 vom 18. bis zum 20. Eine gute Sache, dass das mitten in unsere Regialogzeit fällt. Wir, das sind vier Regialogen aus dem Jahrgang XVIII auf der Jagd nach Eindrücken. Nach „Ah’s“ und „Oh’s“, nach überraschenden neuen Dingen und ein bisschen auch nach der Genugtuung, dass das eigene Museumswissen nicht komplett von gestern ist. Es sei vorweggenommen: In einigen Bereichen ist es das dennoch gehörig. Vor allem, wenn es um die neusten Möglichkeiten der Ausstellungstechnik geht. Bestes Beispiel die Vitrinen der Firma CCS, Magic Box genannt. Da ist die Glasscheibe eigentlich ein Touchscreen, aus durchsichtiger Scheibe wird bei Berührung ein halbdurchsichtiger Videobildschirm. Wie geht das bloß? Wie teuer ist das?

Aber der Reihe nach. Die Exponatec 2015, so kann man im Abschlussbericht erfahren, war natürlich die beste und erfolgreichste Exponatec aller Zeiten. Wachstum, Wachstum! Acht Prozent allein bei den ausländischen Vertretern. Insgesamt 4.000 Fachbesucher aus 40 Ländern, 186 Aussteller, 197 beteiligte Unternehmen aus 21 Ländern. Der Bericht verrät auch die drei Schwerpunkte der 2015er Ausgabe: Neben Weiterentwicklungen der technischen Ausstattung ging es auch um Innovationen in der Wissensvermittlung, besonders durch neue spielerische Ansätze. Außerdem wurde ein umfassendes Vortrags- und Rahmenprogramm geboten. Nach den gut sechs Stunden, die wir in Halle 3.2 unterwegs waren, kann ich das mit Einschränkungen auch so unterschreiben.

Seite 4 des Exponatec Programmheftes
Seite 4 des Exponatec Programmheftes

Hochinteressant war das Vortragsprogramm, das wir bei unserem Besuch nach der Freude über die angenehme Atmosphäre zuerst ansteuerten . In den Vorträgen, die unter der langweiligen Überschrift „Ausstellen im 21. Jahrhundert“ liefen, berichteten internationale Museums- und Ausstellungsmacher aus ihrem Arbeitsalltag. Dabei ging es erfreulicherweise auch ums Grundsätzliche: Was sind die Grenzen von musealer Inszenierung, was macht ein Museum aus, was geht vielleicht zu Ungunsten der wissenschaftlichen Genauigkeit? Dabei waren die Redner sicherlich bewusst aus der vermeintlichen Peripherie des klassischen musealen Kanons ausgewählt. Mark Tamschick, Chef der Medienfirma Tamschick Media + Space erklärte selbstbewusst, dass er bei seiner Gestaltung des saudi-arabischen Expo-Pavillions für Peking ausdrücklich die Emotions- vor die Wissensvermittlung gestellt habe. Beeindrucktes Nicken. Warum? Ist mir nicht so klar. Astrid Wegener ist als Leiterin des FCK-Museums Vertreterin der von Vielen immer noch belächelten Museumsgattung der Fußballmuseen. Die aber derzeit ebenso boomen wie die Firmenmuseen. Hier berichtete Jons Messedat, Architekt und Industriedesigner aus Stuttgart von seinen Erfahrungen – unter anderem mit der Firma Adidas. Sowohl Wegener als auch Messedat konnten mit ihren Vorträgen überzeugend deutlich machen, dass auch abseits von staatlicher Finanzierung gute, differenzierte, wissenschaftliche Museumsarbeit möglich ist. Beide Museen, das des 1. FC Kaiserslautern als auch das Adidas Archiv stiften Identität und greifen in ihrer Konzeption lokale und regionale Besonderheiten auf. Heimatmuseen 2.0 also?

Geradezu klassisch kamen da die Beiträge von Maria Lang und Nina Holsten daher: Erste sprach über die schwierige Situation der Museen der Stadt Regensburg, letztere über die fehlende Attraktivität der Gedenkstätte Husum bei Schwesing als Touristendestination. Gute Vorträge, spannende Orte, aber mit etwas sehr Unerfrischtem, leicht Kulturpessimistischem im Unterton. Beiden fehlte ein wenig der Optimismus der Firmen-, Vereins- und Emotionsvertreter. Insgesamt ein gutes Programm über das wir fast vergessen hätten, uns ausgiebig dem Stöbern und Entdecken kurioser, erstaunlicher Neuerungen an den Messeständen zu widmen.

Das EXPO CASE Areal. Foto: privat.
Das EXPO CASE Areal. Foto: privat.

Zum Glück fanden die Vorträge in der hippen Expo Case Ecke der Exponatec statt und dessen ungewöhnliche Gestaltung war irgendwann magisch anziehend. Das feine Konzept des Expo Case brach mit einer Tradition auf Fachmessen, die mich auch auf der Buchmesse in Leipzig immer gestört hat: Die großen Firmen haben meist riesige Stände, auch wenn sie dort nur marginale Neuigkeiten zeigen. Hauptsächlich stehen an diesen Ständen schicke Sofas herum und freundlich lächelnde Hostessen, die mit Jutebeuteln um sich werfen. Natürlich gab es das so ähnlich auch in Köln, etwa beim gemeinsamen Stand von Deutschem Museumbund und ICOM (ab 15 Uhr übrigens peinlicherweise nicht mehr besetzt), aber es gab eben auch den Expo Case. In diesem Bereich hatte jeder Aussteller exakt die Grundfläche einer Europalette Platz, um sein Produkt und sein Unternehmen, sein Museum vorzustellen. Ergebnis waren clevere, teils sehr coole Präsentationsformen, bei denen die Kreativität der Gestaltung ausschlaggebend war für den Erfolg und nicht Größe und Finanzmittel des Ausstellers. Wir waren gerührt von so viel gelungener Chancengleichheit. Abräumer im Expo Case war der Stand der Studenten der Köln International School of Design, die sich mit der Thematisierung von Selfies ein für Museen brandaktuelles Thema vorgenommen hatten. Ihr Fotoautomat bot ungefähr ein dutzend Möglichkeiten sich per Selfie in Szene zu setzen – eine absurder als die andere – und führte damit vor welche extremen Züge die Selbstinszenierung durch Selfies angenommen hat und zeigte gleichzeitig auf, dass Selfie-Aktionen für Museen und Kultureinrichtungen gute Werkzeuge sein können, um sich den Themen Identität und Zeitgeist zu nähern.

Eigentlich boten alle Stände der Expo Case Arena Interessantes. Hängen geblieben sind wir besonders bei der niederländischen Firma Big Orange, die mit ihrem Kopfhörersystem das Audioguide-Hören auf eine neue Stufe bringt. Mit der speziellen Wiedergabetechnik ist perfektes Stereohören möglich. Stimmen kommen von hinten, von vorne, Geräusche bewegen sich auf den Hörer zu, Umgebungssound wirkt in 3D. Damit werden die Gestaltungsspielräume für spannende Audioguides deutlich größer. Hervorragend – das fanden auch die Macher des hochgelobten neueröffneten Rijksmuseums in Amsterdam. Hier unter anderem kann man den Sound von Big Orange schon live erleben!

Im restlichen Ausstellungsbereich gab es ebenfalls viel Faszinierendes. Besonders die schon erwähnte durchsichtige, in die Glasscheibe integrierte Touchscreentechnik, die neben der Firma CCS auch von Neonred angeboten wurde. Eine Technik, die absolut großartig ist bei vielschichtigen, schwer vermittelbaren Exponaten, wie Büchern. Man kann das Buch digital aufschlagen, in ihm blättern und hineinzoomen und bekommt so neue Möglichkeiten mit dem Objekt in Interaktion zu treten. Und das ohne sperrige und in Ausstellungsräumen oft hässlich wirkende zusätzliche Monitore, sondern als Teil der Vitrine.

Autor und Regialog XVIII Teilnehmer Stephan Siegert beim Ausprobieren der neuesten Vitrinentechnik. Foto: privat.
Autor und Regialog XVIII Teilnehmer Stephan Siegert beim Ausprobieren der neuesten Vitrinentechnik. Foto: privat.

Überhaupt die Vitrinen: Für uns war es überraschend, dass gerade zu diesem fast schon vorvorgestrig wirkenden Museumsmöbel so viele Neuerungen zu sehen waren. UV-Schutzglas etwa, oder kleine Kameras, die die Beschriftung von Innen an die Scheibe projizieren. Programmierbar über das Museumsnetzwerk. Das spart Druckerkosten und sieht sehr schick aus. Ansonsten gab es viele Stände mit dem Neusten aus der Welt der Raumentfeuchter und Sicherheitsschränke. Beides nicht so meins, da bin ich anerkennend nickend dran vorbeigehuscht.

Hängen geblieben bin ich dann mehrfach für lange Gespräche bei den Ständen der Museumsberatungsagenturen, die erstaunlich zahlreich und in supermoderner Gestalt vertreten waren. Die meisten von ihnen tragen diesen Silicon Valley mäßigen, High-Tech meets Umweltbewusstseins-Schick und blicken verträumt von ihren Mac Books auf, wenn man sie anspricht. Diese Agenturen haben alle ausgezeichneten Kaffee und machen trotz (oder wegen?) ihres sehr klischeehaften Hipsteraussehens sehr gute, interessante Arbeit. Die Agenturen bieten oft Komplettpakete für Umbauten, neue Ausstellungen und Co., die sich auch mit sehr kleinen Budgets wirkungsvoll umsetzen lassen. Beispielsweise durch Aufkaufen und Recyceln alter Stelen aus anderen Museen. Man wünscht es mehr Museen, dass sie Geld, Mut und Zeit aufbringen, sich bei der oft dringend nötigen Modernisierung Hilfe von diesen Leuten zu holen.

Ja, der Auftritt der Agenturen war sehr gut und erfreulich Nicht gut war die Gestaltung des Flyers und des Programmheftes. Sehr unübersichtlich. Und die Tatsache, dass man am Ausgang eine flughafenähnliche Leibesabtastung und Taschendurchsuchung über sich ergehen lassen musste. Aber die Anschläge von Paris waren da keine Woche her und überhaupt, man soll ja nicht immer meckern.

Nach sechs sehr spannenden Stunden Exponatec hatten wir alle genug. Ergebnis der Debatte auf dem Heimweg: Ich nehme als Trend vor allem mit: 3D Modelle! Überall 3D Modelle, 3D Technik, etc. Von Screens, über virtuelle Objekte und archäologische Fundortrekonstruktionen – es ist beeindruckend, was in Museen heute möglich ist. Wobei möglich und machbar zwei Paar Schuhe sind. Die Vitrine von CCS kostet rund 17.000€ pro Stück. Glücklicherweise werden Museen nicht nur durch schicke Technik besser, sondern vor allem durch neue Wege bei der (auch analogen) Vermittlungsarbeit. Die war als eine Säule des Programms ja angekündigt, aber mir ist diese Komponente ein wenig zu kurz gekommen. Mehr zum Thema Gamification und Gaming basiertes Lernen im Museum wäre schön gewesen. Und vielleicht hab ich das ja verpasst, aber ist der Trend 3D-Druck schon wieder vorbei? Das hab ich nämlich trotz dem ganzen 3D-Equipment an keiner Stelle so wirklich gesehen.

Insgesamt eine inspirierende Erfahrung sagt man an dieser Stelle üblicherweise. Oft stimmt das nicht. Bei unserem Besuch der Exponatec 2015 schon! Ich fahre 2017 wieder hin.

Wichtige Menschen loben die Messe ebenfalls. In diesem Video:

Und so sieht die Magic Box in Aktion aus:

Stephan Siegert

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