Als ich noch klein war, erzählte mir meine Großmutter gerne Geschichten. Eine ihrer Lieblingsgeschichten betraf die Stadt Bremen, in der ich geboren und aufgewachsen bin. Es ist die Erzählung von einer Gluckhenne, die für die Gründung Bremens verantwortlich und aus diesem Grund an der Fassade des alten Rathauses zu Bremen zu sehen ist.

btz_rathaus_arkade_1706_cms-695x463Später stellte ich immer wieder fest, dass diese Geschichte in Bremen sehr populär ist. Zu jedem Stadtrundgang, ob im Zuge meiner Tätigkeit als Gästeführer oder im privaten Rahmen, gehört die Sage von der Gluckhenne an der zum Marktplatz hin gewandten Seite der Fassade des alten Rathauses zu den beliebtesten Anekdoten aus Bremen. Wenn dann sowohl Gäste unserer Stadt als auch Bremer Urgesteine mit angestrengtem Blick den Bereich über dem von links aus gesehen zweiten Arkadenbogen, bzw. der dritten Säule der Renaissancefassade des alten Rathauses absuchen, kann es nur eins bedeuten: Sie sind auf der Suche nach der berühmten Gluckhenne.

Seit 1612 sitzt sie da, in Stein verewigt, stolz auf ihrem Nest, mit ihren vier wohl behüteten Küken unter sich und von einer Frau mit wehendem Gewand umarmt. Angebracht wurde sie dort von Lüder von Bentheim, „des ehrbaren Rates Steenhower“, wie es damals hieß. Der Stadtbaumeister wurde damit beauftragt, die Fassade des Rathauses zu restaurieren. Der nüchterne gotische Stil, in dem das Rathaus gut 200 Jahre zuvor erbaut wurde, war zur Zeit der Weserrenaissance aus der Mode geraten. Man liebte den Prunk und so sollte auch die Marktfassade des Rathauses zeitgemäß verschönert werden. Was nun hat es mit der Henne im rechten Zwickel des zweiten Arkadenbogens auf sich?

Friedrich Wagenfeld, ein Bremer Sagenschreiber des 19. Jahrhunderts, kam auf die Idee, der Gluckhenne die Gründung Bremens zuzuschreiben. Seiner Erzählung zufolge fuhren in grauer Vorzeit ein paar von Feinden verfolgte Flussfischer auf der Suche nach einer neuen Bleibe die Weser hinauf und hinab. Die freiheitsliebenden Fischer erspähten, nachdem die Sonne wundersam durch die Wolken brach, in den Weserdünen eine Henne, die sich zu ihrem Nest begab. Dies deuteten sie als glückliches Zeichen, denn wo eine Henne sich um ihre Küken sorgen kann, da sollten auch sie Nahrung und ein Zuhause finden. Fortan soll hier Bremen, ein „Hort der Freiheit“, gegründet worden sein.

So schön diese Geschichte auch ist, sie ist leider nur „Fischergarn“, ein Produkt der blühenden Phantasie des Sagenschreibers. In Wahrheit hat der Rat der Stadt Bremen mit der Gluckhenne ein Zeichen für Tugend und Fürsorge gesetzt. Neben weiteren zeichenhaft an der Marktfassade des alten Rathauses dargestellten Tugenden wie etwa Großmut, Mäßigung, Fleiß, u.a. erkennen wir in der Gluckhenne die „Vigilantia“, die fürsorgende Wachsamkeit. Ihr gegenüber findet der aufmerksame Beobachter die Darstellung einer Frau, die einen Hahn auf der Hand und einen Hund unter dem Arm trägt. Das ist „Custodia“, der wachende Schutz. Die Frau, die das Nest der Gluckhenne umarmt, trägt einen Lederstreifen auf dem Oberschenkel, einen Teil einer römischen Rüstung. Dies ist als Zeichen für die „Vigilantia“ gedeutet worden. Der Rat zeigte damit seine Fürsorglichkeit gegenüber den Bürgern der Stadt Bremen. Henne und Hahn wurden zudem auch als Zeichen der Fruchtbarkeit gedeutet, die Henne insbesondere als Symbol für Mütterlichkeit.

Gluckhenne_Boettcherstrasse_blogDoch die Gluckhenne wacht nicht nur am alten Rathaus über ihre Küken, sondern auch in der Böttcherstraße, Bremens „heimlicher Hauptstraße“. Dort steht sie seit 1958 auf einem Vorsprung am Haus des Glockenspiels. Die Bronzeskulptur sowie eine Tafel mit einer Bezugnahme auf die Bremer Gründungssage darunter wurden von dem Bildhauer Alfred Horling geschaffen.

Obwohl die Geschichte von der Gluckhenne doch nur eine Sage ist, wird sie sich doch gerne mit einem liebevollen Schmunzeln in Bremen erzählt. Die Gluckhenne ist darüber hinaus mit der Sage der Entstehung des in Bremen berühmten Kükenragouts verbunden, doch das ist eine andere Geschichte.

 

 

Die Erstveröffentlichung dieses Beitrages erfolgte am 27.07.2015 im Bremen Blog der Bremer Touristik Zentrale.

Der Original Beitrag kann hier eingesehen werden.

Beitragsbilder: Die Beitragsbilder sind private Aufnahmen des Autors Daniel Stefanovic.

 

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