Eine kleine Sprachkritik zur Presse- und Öffentlichkeitsarbeit von Kulturbetrieben

Wie machen eigentlich Kultureinrichtungen auf sich und ihre Veranstaltungen aufmerksam? – Grundsätzlich mit einer lobenswerten Vielzahl an kreativen Aktionen wie Sonderausstellungen zu bestimmten Themen, Live-Musik, „Langen Nächten“ der Kunst, freiem Eintritt an bestimmten Wochentagen und mit vielem anderen mehr. Aber die jeweilige Presseinformation oder Veranstaltungsankündigung dazu gestaltet sich sprachlich oft leider etwas ideenlos. Auf eine kleine, meist einleitende Formulierung reagiere ich fast allergisch, obwohl es sich eigentlich um eine Randnotiz handelt:

„Im Rahmen der aktuellen Sonderausstellung findet am kommenden Dienstag im Museum dies und das statt.“ Soweit, so gut. Wo ist hier nun das Problem?

In einem Rahmen findet man gewöhnlich nur ein Bild, das darin hängt. Kulturveranstaltungen finden aber meist außerhalb von Rahmen statt und haben in der Regel überhaupt keinen inhaltlichen Bezug dazu. Es sei denn das Rahmen-Museum in Klein Rahmsdorf eröffnet seine neue Sonderausstellung „Im Rahmen“, was allerdings sehr selten und bisher ausschließlich in meiner Fantasie vorkommt.

Diese leicht übertriebene Dramatisierung zeigt, dass die Rahmen-Formulierung mittlerweile mehr in mir auslöst, als der Inhalt der Mitteilung, um den es eigentlich gehen sollte. Sehe oder höre ich irgendwo „Im Rahmen…“, antworte ich nur noch Mantra-artig: „Hängt ein Bild!“, egal ob es helfen mag oder nicht.

Gerade in Kulturbetrieben, die professionell mit Kunst, Bildern und Rahmen im Tagesgeschäft umgehen, wundert mich die Verwendung dieser Verlegenheitsphrase besonders: Hier werden die eigenen Kernkompetenzen für mich leider automatisch mit der Verwendung einer technischen, pseudo-professionellen Veranstaltungsankündigungssprache verspielt. Das ist sehr schade, weil die Kulturinstitutionen per se viele qualitativ gute Inhalte zu bieten haben. Dass all die anderen Branchen ebenfalls oft wider besseres Wissen für das Vermelden einer Neuigkeit in die Phrasenkiste greifen und ‚den guten alten Rahmen‘ bemühen, um einen Bezug herzustellen, ist auch kein Grund.

Nicht nur Kunsthistoriker werden mir zustimmen, dass der Rahmen eines Kunstwerks bestenfalls eine ideale Ergänzung zu dem jeweiligen Bild darstellt, das er umfasst. Doch letztendlich bleibt er schmückendes Beiwerk – ein beliebig ausgewähltes Anhängsel, das austauschbar ist. Zudem ist er oft viel zu barock gestaltet oder aus einer anderen unpassenden Epoche, die überhaupt nicht zu ‚seinem‘ Kunstwerk passt. Und damit möchte man die Werbetrommel für sich rühren?

Insbesondere die Kulturbetriebe sollten sich meiner Meinung nach heute vielmehr inhaltlich fragen, wie sie ihre Rahmen – also beispielsweise die Mauern ihrer Gebäude, die Zugangsbeschränkungen ihrer Veranstaltungsformate oder sonstige Zugangsbarrieren – abbauen und verlassen können. Die Kunst muss auch durch die Wände der Erinnerungsspeicher nach außen dringen, um die gesellschaftlichen Funktionen eines zeitgemäßen Museums erfüllen zu können! Und das nicht nur sprachlich.

Der französische Street Artist Julien de Casabianca startete so mit seinen „Outings“ eine Ausstellungsform, die derzeit weltweit neue Guerilla-Museen entstehen lässt: egal ob in London, Paris oder Lüneburg. Dabei wird das im Museum ausgestellte Werk mal legal und mal illegal abfotografiert, und als Streetart-Element an öffentlichen Orten in ganz neue Kontexte gebracht.

juliencasabianca112_v-vierspaltig

Banksy war gestern, de Casabianca heute“, sagen bereits einige Streetart-Experten…

Das ist ein schönes Beispiel dafür, wie wertvoll es für die Kulturbetriebe und deren Publikum sein kann, einmal bewusst ‚aus dem Rahmen zu fallen‘ (Absicht!). Ganz ohne jegliche Zugangsbeschränkungen und anderer Rahmungen wird die Kunst so einer breiten Öffentlichkeit auf erfrischend neue Weise präsentiert. Zugleich ist der Marketingfaktor für die jeweiligen Häuser nicht zu vernachlässigen.

Bild: Andreas Praefcke, Wikimedia Commons, Montage: Moritz Jacobsen

Eine kleine Übung: Wie lassen sich die neun Punkte mit nur vier gerade Linien verbinden?

Tipp: Man muss über den Rahmen hinaus denken…

Ist man hier offen für Neues, verlässt man fast automatisch die alten, eingetretenen Pfade. Kulturveranstaltungen ohne „Rahmen“ sind somit noch barrierefreier als mit.

 

Betragsbilder:

Benedikt Scheper: „Outings“ bringt Meisterwerke auf die Straße. In: www.ndr.de/kultur/kunst/hamburg/Das-Projekt-Outings-bringt-Meisterwerke-auf-die-Strasse,outings102.html, Zugriff: 16.12.15.
Bild: Andreas Praefcke, Wikimedia Commons, Montage: Moritz Jacobsen

 

Moritz Jacobsen

Teilnehmer bei Regialog XVIII bei Industrie Museum Lohne
Politik- und Kulturwissenschaftler,
Fachreferent für Kulturtourismus und Kulturmarketing
Moritz Jacobsen

Letzte Artikel von Moritz Jacobsen (Alle anzeigen)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.