Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Thomas Kufen, sehr geehrte Mitglieder des Essener Stadtrates,

seit einiger Zeit gibt es in Essen Überlegungen, das 1964 abgerissene historische Rathaus wieder aufzubauen. 2013 wurde diese Idee von dem Architekten Axel Koschany eingebracht und wird nun von der Initiative „Essener Altstadt – für den Wiederaufbau“ aufgegriffen. Auf der Facebookseite der Gruppe werden auch Ideen geäußert, noch weitere Gebäude zu rekonstruieren und die Innenstadt insgesamt architektonisch aufzuwerten.

„Stadtbild Deutschland e.V.“ setzt sich ehrenamtlich und bundesweit für genau diese Ziele ein. Unsere Vereinsmitglieder besitzen durch ihre Zusammenarbeit mit lokalen Bürgerinitiativen langjährige Erfahrung mit vergleichbaren Projekten. Die große positive Resonanz, welche die Idee einer Rekonstruktion des Essener Rathauses sowie von Teilen der Altstadt unter der Bevölkerung auslöst, hat unsere Vorstandsmitglieder veranlasst, uns mit diesem offenen Brief an Sie zu wenden. Wir wollen damit diese Idee unterstützen und zeigen, wie man sich diesem Ziel annähern kann. Neben den Befürwortern dieser Idee gibt es natürlich auch einige Bedenken. Die skeptischen Stimmen reichen von „spinnerte Utopie“ und „zu teuer“ über „Rückwärtsgewandtheit“ und „Museumsdorf“.

Dass dies keine „spinnerte Utopie“ ist, beweist Potsdam. In Potsdam wird im Rahmen eines langfristigen Stadtumbauprojektes das Stadtbild aufgewertet: Ziele sind Abriss von unansehnlichen Plattenbauten, Wiederherstellung der früheren Straßenstruktur, Kleinteiligkeit der Fassaden und Grundstücke sowie die Rekonstruktion einiger Leitbauten. Es geht hierbei wohlgemerkt nicht um die komplette Rückkehr zum alten Stadtbild, sondern lediglich um die Wiederherstellung der Teile, deren Zerstörung oder Nachkriegsbeseitigung man als städtebaulichen Verlust erkannt hat. Einige mögen dies rückwärtsgewandt nennen, viele andere dagegen sprechen von zukunftsgerichteter Wiederherstellung des architektonisch-kulturellen Erbes. Der Plan ist inzwischen zu erheblichen Teilen umgesetzt. Essen könnte in Teilen eine ähnliche Entwicklung anstreben.

Es ist immer wieder davon zu lesen, dass die Essener ihre Innenstadt als kühl oder trist wahrnehmen. Stattdessen würden sie sich lieber eine Innenstadt wünschen, die „historisch“ sei. Tatsächlich sind historische Stadtviertel sowohl bei Mietern als auch Investoren weitaus beliebter, wie neueste empirisch-statistische Untersuchungen belegen. Dies liegt aber unserer Meinung nach weniger am Alter dieser Gebäude. Es liegt vielmehr an der Art und Weise, wie diese geplant und gebaut wurden. „Historische“ Architektur war, verkürzt ausgedrückt, gestalterisch weitaus vielseitiger. Es gab abwechslungsreichere Dachformen, dazu Giebel, Dachgauben, Türmchen, Erker sowie Fassadenelemente verschiedenster Art, deren typisches Aussehen Baumeister jeder neuen Bauepoche immer wieder veränderten und neu arrangierten. Im 20. Jahrhundert aber wurde in großen Teilen der Architektenschaft die Vorstellung durchgesetzt, dass nur der Bruch mit vergangenen Baustilen „modern“ sei. Beginnend mit dem Bauhaus, wurde es nach dem 2. Weltkrieg unter der etablierten Architektenschaft mehr und mehr zum Dogma erhoben, den Baukörper radikal zu reduzieren. Einfache, klare Baukörper und schmucklose Fassaden galten fortan als schick und modern, das Aufgreifen früherer Baustile dagegen als historisierend und unehrlich. Auf Dauer aber entstehen durch eine solch reduzierte Bauweise nur sehr kühle und steril wirkende Stadtlandschaften.

Es ist diese Vorstellung, wie „moderne“ Architektur aussehen muss, die das Gesicht deutscher Städte seit Jahrzehnten prägt. Die v.a. von Bürgervereinen getragenen Rekonstruktionsprojekte in Dresden, Potsdam oder Frankfurt sind daher weniger als rückwärtsgewandtes Denken, sondern als Symptome bürgerlichen Aufbegehrens gegen dieses reduzierte, kühle Bauen zu verstehen.

Essen benötigt also unserer Meinung nach vor allem eines: Mehr architektonische Vielseitigkeit bei Neubauprojekten! Kleine Türmchen, Giebel oder Erker z.B. sollten von den leitenden Planern nicht als unmodern oder veraltet angesehen werden, sondern als architektonische Gestaltungselemente wieder Verwendung finden. Das war jahrhundertelang so, wieso sollte es nicht auch in Zukunft wieder so sein? Doch bei vielen Experten, v.a. beim „Bund deutscher Architekten“ (BDA), stoßen solche reformerischen Ideen nach wie vor auf heftigste Ablehnung. Sie als Stadträte müssen sich dieses Problems stets bewusst sein, denn Sie wissen vermutlich selbst, wie mächtig Experten in Verwaltungen und Kommissionen sind.

Das wichtigste Kriterium ist aber am Ende das Geld. Außenstehende glauben meist, moderne Architektur sei meist aus Kostengründen so spartanisch. Doch diese Ansicht ist falsch. Vielseitigere Architektur ist nicht zwangsläufig immer teurer, Fassadendetails machen heutzutage nur noch ca. 1- 2 % der gesamten Baukosten aus. Im Anhang haben wir Ihnen zur Veranschaulichung Bilder von aktuellen Bauprojekten angefügt, deren Baukosten sich auf demselben Niveau bewegen wie vergleichbare „moderne“ Gebäude. Es ist also technisch und finanziell kein großes Problem. Unserer Erfahrung nach wollen Investoren sogar oft schöner bauen, denn je attraktiver und hübscher ein Gebäude oder Viertel, umso eher zieht es Besucher und Nutzer an. Vielerorts sind es eher die Planungsämter, die solche Entwürfe nicht oder nur mit erheblichen Widerständen genehmigen.

Eine Rekonstruktion des äußerst prachtvollen Rathauses wäre tatsächlich eine große Bereicherung für Essen, vergleichbar mit der Rekonstruktion des Potsdamer Stadtschlosses, welche die Krönung von Potsdams Stadtumbau darstellt. Aber Potsdam hatte als Mäzen Hasso Plattner, der eine große Summe dafür spendete. Wenn Essen solche Sponsoren nicht aufbieten kann, wird das Rathaus zunächst einmal Utopie bleiben müssen.

Das Rathaus-Projekt sollte langfristig als Option weiterverfolgt werden, aber Essens Altstadt besitzt genug andere Ecken, die schon heute darauf warten, durch bezahlbare traditionelle Architektur wach geküsst zu werden. Wenn Essen also „historischer“ werden soll, dann sollte man wertneutraler von „gestalterisch vielseitiger“ sprechen. Dies ist technisch und finanziell machbar. Entscheidend dafür ist ein Besinnen auf traditionelles Bauen, wie es von etlichen Architekten auch längst wieder praktiziert wird.

Wir bitten Sie als Stadträte und als Oberbürgermeister, diesen Weg einzuschlagen und wollen Sie gerne dabei ehrenamtlich unterstützen.

Für den Vorstand

Manuel Reiprich

Bundespressesprecher

Anhang:

Nachfolgend nun einige Beispiele für zeitgenössische, traditionelle Architektur, die von privaten Investoren errichtet wurde. Diese Beispiele dienen v.a. der Illustration dessen, was technisch und finanziell heute möglich ist. Auch in Essen sollte bei künftigen Neubauprojekten wieder mehr Wert auf traditionelle architektonische Formensprache gelegt werden.

Zwei im Moment realisierte Entwürfe des Büros „Patzschke&Partner“ aus Berlin: Klosterstraße 65 (links) und Maybachufer 36-38 (rechts). Traditionelle Architekturelemente hier u.a.: Sprossenfenster, Rundbögen. Abgerundeter Eckerker und Ecktürmchen am Maybachufer schaffen eine Eckbetonung.

Das „Haus Winter“ in Hamburg, Wiesenstraße 7. Architekt Jakob Siemonsen. Ein Passivhaus im Gründerzeitstil, 2014 errichtet. Mehrkosten für die aufwendigere Fassade laut Auskunft des Architekten: ca. 1% der gesamten Bausumme. Der Investor habe es noch aufwendiger bauen wollen, dies sei aber von Mitarbeitern des Stadtplanungsamtes nicht genehmigt worden.

Der Blick ins Ausland zeigt weitere Möglichkeiten, ein Stadtbild nur durch Fassaden aufzuwerten: Das
„de Haagse Bluf“ in Den Haag, ein neu erbautes Einkaufsviertel mit historisierenden Fassaden. Ein
gutes Beispiel dafür, wie historisch und modern eine Symbiose eingehen können.
In Essen müsste man natürlich großformatiger planen, aber dieses 2014 neu errichtete Ensemble am
Postplatz im polnischen Teil von Görlitz, Zgorzelec, zeigt, dass traditionelle Architektur auch in
kleineren Städten errichtet werden kann und vorrangig keine Kostenfrage ist.
Mit Jakriborg in Südschweden wurde sogar eine ganze Kleinstadt völlig neu auf der grünen Wiese im
traditionellen Stil errichtet. Solche Projekte sind also im Ausland längst normal, in der Bundesrepublik
werden solche Ideen aber noch immer von vielen Experten abgelehnt.

 

Den Originalbeitrag können Sie hier nachlesen.

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