Wie fast vergessen, verlassen und versteckt steht es da, das ehemalige Werk 8 der Plauener Gardine in Lengenfeld.

Zerbrochene Fenster, bröckelnder Putz, bewachsene Dächer – Ein Schandfleck in der Betrachtung mancher Anwohner. Nicht so für ein junges Team von Enthusiasten, die in Industrierelikten mehr sehen als Ruinen, als die sie sich optisch darstellen.

Fabriken, die ihre Funktion verloren haben, rückt das Netzwerk „Industrie.Kultur.Ost“ in den Fokus. Es gibt dem kulturellen Erbe eine Plattform, mit dem Ziel in der Öffentlichkeit ein größeres Verständnis für die industrielle Vergangenheit zu schaffen und auf ihre Existenzgefährdung aufmerksam zu machen.

Wentzelsche Fabrik in Lengenfeld, Blick vom Eicher Weg
Quelle: Dämmler, Sebastian – Industrie.Kultur.Ost

 

 

 

 

 

 

 

Vor zehn Jahren war ich selbst im Rahmen meines Studiums in Lengenfeld und habe die als Wentzelsche Bleicherei und Appreturanstalt bekannte Fabrik fotografiert. Heute treffe ich am Eicher Weg den 24 jährigen Zwickauer Sebastian Dämmler. Aber wieso hat er gerade diesen Ort gewählt, um mir einen Einblick in seine Leidenschaft zu gewähren?

„Mit Baujahr 1808 ist es die wahrscheinlich älteste Spinnmühle im Vogtland und eine der ältesten noch bestehenden Fabriken in Sachsen“ beginnt er seine Ausführungen zur Geschichte des Fabrikstandortes.

Album der Sächsischen Industrie. Neusalza. 1856, S. 172
Die Großindustrie des Königreiches Sachsen in Wort und Bild, Leipzig 1892. Bd. 1

 

 

 

 

 

 

 

 

1808 endete das Spinnprivilegium der Firma Bernhard in Harthau bei Chemnitz, woraufhin entlang der kräftigen Flüsse des Vogtlandes und Erzgebirges Spinnmühlen nach englischen Vorbild entstanden. So waren dies in Lengenfeld die Unternehmer G.F. Thomas und F.G. Bonitz. Diese Entwicklung wurde begünstigt durch die napoleonische Kontinentalsperre, welche den Import Englischer Garne boykottierte. Doch mit der Spinnkrise um die Mitte des 19. Jahrhunderts orientierte sich die Unternehmensführung neu. Mit dem Eintritt E.G. Wentzels als Teilhaber 1847 war die Umstellung zur chemischen Bleicherei bereits geschehen. Einen großen Einschnitt gibt es 1855, als das Gebäude bis auf die Grundmauern abbrennt, jedoch schnell wieder aufgebaut und durch Anbauten erweitert wird. 1883 wird die Fertigung durch die Gardinenweberei erweitert und bis 1895 ist der Fabrikkomplex auf die endgültige Größe angewachsen. Aus jener Zeit stammt die Illustration, die auch die vorgelagerte Parkanlage und das noch bestehende Wohnhaus zeigt. 1936 nimmt das Unternehmen eine erneute Vorreiterrolle ein, als es einer der Ersten in Mitteldeutschland die Sauerstoffbleiche einführt. Die Erben Wentzels verlassen nach dem Zweiten Weltkrieg die junge DDR, woraufhin der Betrieb verstaatlich wird. Zunächst zur „Falgard“ gehörend, erfolgt 1972 die Angliederung an den „VEB Plauener Gardine“ als Werk 8. Somit findet sich dort bis 1990 die Weberei und Veredlung des größten Gardinenherstellers in Europa. Mit der Abwicklung der Plauener Gardine wird auch das Werk in Lengenfeld aufgegeben und steht fortan leer.

In diesem Zusammenhang richtet Sebastian den Fokus seiner Kamera auf ein Detail im eisernen Werkstor – das Firmenzeichen der Plauener Gardine. „So etwas ist andernorts schon ganz verschwunden.“

Quelle: Pawlak, Sabrina
Quelle: Pawlak, Sabrina
Quelle: Industrie.Kultur.Ost

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Aber was fasziniert einen jungen angehenden Ingenieur der Holztechnik an Industrierelikten? Sebastian sieht die Gründe in seiner Kindheit und der Gegend, in der er aufwuchs. „Zwickau-Pölbitz ist das sächsische Automobilviertel von Zwickau, so dass man im täglichen Leben umgeben war von einer beeindruckenden Industriearchitektur. Ich kann mich erinnern, dass ich als kleiner Knirps auf dem Weg zum Kindergarten am Werk Horch vorbei gegangen bin und mich dann diese riesige Fabrik immer faszinierte.“

Anfangs hat sich Sebastian nur mit der Automobilgeschichte von Zwickau beschäftigt, dann kam das Interesse an anderen Industriezweigen und Regionen hinzu. 2008 begann er systematisch leer stehende Fabriken fotografisch zu dokumentieren und die Geschichte aufzuarbeiten. Das Objektarchiv machte er 2016 unter Mithilfe weiterer Mitstreiter öffentlich. Das kleine Team besteht aus Industrieverrückten, Architekturliebhabern und Studenten der Industrieachäologie der TU Freiberg.

Die Plattform Industrie.Kultur.Ost hat sich das Ziel gesetzt den Begriff „Industriekultur“ gesellschaftsfähig zu machen. Sie verwehren sich gegen die Bezeichnung von „Schandflecken“ und „Brachen“. Im Ruhrgebiet hat die industrielle Vergangenheit eine ganz andere Wertschätzung und zahlreiche Beispiele zeugen von einem nachhaltigen Umgang damit, der gleichzeitig von der Bevölkerung wunderbar angenommen wird. Sebastian kommt dabei die Zeche Zollverein in den Sinn, die Denkmal und Weltkulturerbe ist und gleichzeitig museale Funktion übernimmt. Die angrenzende Kokerei ist Ausstellungs-, Veranstaltungs- und Freizeitort. Und dann erzählt er mir wehmütig, dass im Zwickau-Oelsnitzer Steinkohlerevier keine einzige Kokerei mehr existiert und die markantesten Fördertürme fast ganz verschwunden sind.

„Sachsen war das Pionierland der Industrialisierung in Deutschland, weit vor dem Ruhrgebiet.  Es mag daran liegen, dass hier vorwiegend Leichtindustrie ansässig war und sächsische Weltunternehmen, gerade im Maschinenbau, keine Stahlmagnaten, wie Krupp, waren. So dass der Region die nötige Bedeutung abgesprochen wird.“

Für Sebastian und sein Team sind Bleichert in Leipzig, Gruson in Magdeburg, Horch in Zwickau oder Hartmann in Chemnitz auch große Namen in der deutschen Industriegeschichte, die ihre Spuren in Wirtschaft, Gesellschaft und Architektur hinterließen.

Industriegeschichte aufzuarbeiten und ihr Objektarchiv auszuweiten steht für Industrie.Kultur.Ost dabei im Fokus. Räumlich begrenzt es sich auf das Gebiet der ehemaligen DDR, aber mit deutlicher Konzentration der Sächsischen Region. „Es ist kein Projekt im eigentlichen Sinne, denn dieses hätte auch ein Ende. Ich sehe es mehr als Plattform für ostdeutsche Industriegeschichte und -architektur“. Über die Homepage und Facebook-Seite finden sich nicht nur Gleichgesinnte, sondern auch ehemalige Arbeiter und Angestellte, Vorbesitzer und Eigentümer. Kontakte zu Lokalpolitikern, Wissenschaftlern und anderen Netzwerken helfen dem Team bei Veranstaltungen, Veröffentlichungen und vor allem beim Einsatz für bedrohte Kulturgüter. So berichtet er mir vom Schicksal des VEB Strickwaren „Aktivist“ in Zwickau, welches durch den Einsatz von Fördermitteln für die Revitalisierung von Industriebrachen innerhalb des nächsten Jahres abgebrochen wird. Doch ein Trost bleibt, das sozialistische Wandmosaik von Edgar Klier wird entfernt und bis zur weiteren Verwendung eingelagert.

Wandmosaik im VEB „Aktivist“, Zwickau; Quelle: Industrie.Kultur.Ost
Spinnmühle in Lugau, abgebrochen;
Quelle: Industrie.Kultur.Ost

 

 

 

 

 

 

 

Solch kleine Teilerfolge helfen dabei, den Mut nicht zu verlieren und etwa die „Schande von Lugau“ zu überwinden. Die 1812 erbaute Spinnmühle im erzgebirgischen Lugau ist wohl der schmerzhafteste Verlust an Industriedenkmalen im Sächsischen Raum. Sie wurde nun abgebrochen, trotz vielfältiger Initiativen für einen nachhaltigen Erhalt. Es war nicht nur ihr Alter, sondern vor allem ihre noch in Originalität erhaltene Palastarchitektur, die die Spinnerei so einmalig machte.

Die Plattform Indutrie.Kultur.Ost ist noch so jung und voller Ambitionen, wie seine Initiatoren. Aber vielleicht hat gerade diese Nachwendegeneration den nötigen Abstand, um sich von einer anderen Seite und mit differenzierteren Blick den industriellen Hinterlassenschaften zu nähern. Ihre Eltern arbeiteten in den Fabriken, die sie in ihrer Kindheit und Jugend erkundeten. Manchmal leer geräumt, manchmal noch wie gestern erst verlassen regte es an, darüber zu sinnieren, wie sich das Leben und Arbeiten um eine Fabrik im Wandel der Jahrzehnte gestaltete.

Eine weitere Erkenntnis macht Sebastian noch am Klinkerbau der Wentzelschen Fabrik deutlich: „Die moderne Architektur hat stark an Qualität verloren und die Menschen suchen in ihrer Natur nach hochwertiger Architektur als Lebensraum. Das kann Industriearchitektur der vergangenen Glanzzeiten bieten, als sich noch ingenieurtechnische und künstlerische Leistungen vereinten. Eine Fabrik, auch als Ruine ist deshalb nie ein Schandfleck oder Brache, sondern eine Chance für eine Stadt und Region.“

Zur Person:

Name                                   Sebastian Dämmler

Geboren                              1992 in Zwickau

Familie                                 stammt aus einem Tischlereiunternehmen

Beruf                                    nach dem Abitur hat er drei Jahre Möbeltischler gelernt, momentan studiert er an der TU Dresden

Ingenieurwesen für Holztechnik

Passion                                 Fotografie und Industriearchitektur

 

Zum Netzwerk:

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